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Universitätsgeschichte im Überblick


Von Dr. Ernst Böhme, Leiter des Städtischen Museums und des Stadtarchivs Göttingen

1734/37
Die Gründung der Universität Göttingen erfolgte auf Veranlassung des Landesherrn Kurfürst Georg August von Hannover, als Georg II. zugleich König von Großbritannien (Personalunion seit 1714), nach dem die Universität auch benannt wurde. Eigentlicher spiritus rector der Neugründung war der hannoversche Minister Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen, der mit der Georgia Augusta eine Hochschule neuen Typs schuf: Konsequenter noch als die nur wenige Jahrzehnte ältere Universität Halle diente sie den Zielen der Aufklärung. Dazu wurde die wissenschaftliche Forschung von der theologischen Zensur befreit (Münchhausen als Vertreter des Kurfürsten behielt sich allerdings ein Zensurrecht vor), und zugleich erhielt die akademische Lehre einen hohen Stellenwert. Die gezielt geförderte Bibliothek stand – für diese Zeit eine unerhörte Neuigkeit – auch den Studenten offen, und für junge und zukunftsträchtige wissenschaftliche Disziplinen schuf Münchhausen neue Lehrstühle, auf die er systematisch herausragende Vertreter ihres Faches berief. 1734 nahm die Universität den Lehrbetrieb auf, 1737 erfolgte in Anwesenheit Münchhausens die offizielle Einweihung (Inauguration).


1736 - ca. 1800
Universitätspolitik ist ganz wesentlich Berufungspolitik – und hier bewies Münchhausen eine außerordentlich glückliche Hand. Unter der großen Zahl der z. T. weltberühmten Gelehrten, die er nach Göttingen rief, waren z. B. der Arzt, Naturforscher und Dichter Albrecht von Haller (1736–1756 in Göttingen), der Theologe und Orientalist Johann David Michaelis (1746–1791 in Göttingen), der Altertumswissenschaftler und Leiter der Universitätsbibliothek Christian Gottlob Heyne (1763–1812 in Göttingen), der Physiker, Philosoph und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg (1770–1799 in Göttingen) und der Publizist und Historiker August Ludwig von Schlözer (1769–1809 in Göttingen).

Wesentlichen Anteil am Aufstieg Göttingens zu einem wissenschaftlichen Zentrum europäischen Ranges hatte die 1751 gegründete Göttinger Akademie der Wissenschaften. Während anderswo Universitäten als Lehreinrichtungen einerseits und Akademien als Forschungsinstitute andererseits streng getrennt blieben, waren in Göttingen beide Einrichtungen von Beginn an personell eng miteinander verknüpft. Akademische Forschung und universitäre Lehre konnten sich so direkt und unmittelbar gegenseitig befruchten. Am 19. Juli 1766 besuchte Benjamin Franklin die Akademie, der er seit Kurzem als auswärtiges Mitglied angehörte. Durch die kluge Anschaffungspolitik des Bibliotheksleiters Heyne wurde die Göttinger Universitätsbibliothek führend in Deutschland. Johann Wolfgang von Goethe, der im Sommer 1801 die Bibliothek benutzte, nannte sie ein „Capital, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet“.


1741
Die aufblühende Georgia Augusta zog rasch Studenten aus ganz Deutschland, Europa und aus anderen Erdteilen nach Göttingen. So weilte im Jahr 1741 ein gewisser Andrea, Sohn des Habaschi, aus dem Libanon in Göttingen und trug sich in arabischer Schrift in ein Studentenstammbuch ein.


1782/1799
Auf Betreiben von Johann Friedrich Blumenbach, selbst ein herausragender Sammler und Naturforscher, gelangten im Jahr 1782 Teile der von James Cook auf seinen Südreisen gesammelten ethnographischen Objekte nach Göttingen. 1799 konnte der Nachlass von Johann Georg Forster angekauft werden, der mit seinem Vater Cook auf dessen zweiter Weltumseglung begleitet hatte (1772–1775). Forster war mit Therese Heyne, der Tochter von Christian Gottlob Heyne, verheiratet und hatte daher enge Bindungen nach Göttingen. Die Göttinger Cook-Forster-Sammlung bildet einen der bedeutendsten Bestände von Südsee-Enthographica weltweit. Im gleichen Zeitraum überließ der in russischen Diensten stehende ehemalige Göttinger Student Baron Georg Thomas von Asch der Georgia Augusta wiederholt einzigartige Ethnographica aus Sibirien und dem nordpazifischen Raum.


1807-1855
Carl Friedrich Gauß, einer der bedeutendsten Mathematiker der Menschheitsgeschichte, lehrte als Professor in Göttingen Astronomie. Die weit ausgreifenden Forschungen von Gauß bestimmen in vielfältiger Weise die Gegenwart. Ein Beispiel dafür ist der erste funktionstüchtige elektromagnetische Telegraph, den er gemeinsam mit Wilhelm Weber 1833 von der Paulinerkirche zur Sternwarte installierte. Damit war die Basis geschaffen für die elektronische Datenübertragung, die in Form von Fax, SMS und Internet unser heutiges Leben maßgeblich mitbestimmt. Ein höchst beziehungsreicher Zufall – konnte es ein Zufall sein? – war, dass im selben Jahr 1833 ein siebzehnjähriger Rabbinersohn aus Kassel nach Göttingen kam, um hier eine Banklehre zu beginnen. Dieser Israel Beer Josephat sollte mithilfe der Gauß-Weberschen Erfindung Weltruhm erlangen, als er von 1851 an von London aus unter dem Namen Paul Julius Reuter eine weltumspannende Nachrichtenagentur aufbaute, die heute zu den einflussreichsten ihrer Branche gehört.


1837
Am 1. November 1837 hob König Ernst August von Hannover die von seinem unmittelbar zuvor verstorbenen Bruder König Wilhelm IV. erlassene Verfassung des Königreichs auf. Gegen diesen Willkürakt legten sieben Professoren der Georgia Augusta schriftlich Protest ein: der Jurist Wilhelm Eduard Albrecht, der Theologe und Orientalist Georg Heinrich August Ewald, die Historiker Friedrich Christoph Dahlmann und Georg Gottfried Gervinus, die Germanisten Jakob und Wilhelm Grimm und der Physiker Wilhelm Weber. Ihr mutiger Widerstand machte die „Göttinger Sieben“ in Windeseile in ganz Europa bekannt, hatte für sie selbst aber schmerzliche Folgen. Sie verloren ihre Stellung, und drei von ihnen wurden zudem umgehend des Landes verwiesen. Schaden trugen aber auch Stadt und Universität davon: Sie verlor schnell an Ansehen und es fand eine Abwanderung von Studenten statt, deren Zahl im Wintersemester 1847/48 mit nur noch 562 Immatrikulierten einen historischen Tiefstand erreichte. Die „Göttinger Sieben“ gelten heute als Wegbereiter der bürgerlichen Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft in Deutschland.


1854/1870-1926
1854 erhielt Göttingen Anschluss an das Eisenbahnnetz. Damit begann sich jetzt auch Göttingen von einer kleinen Ackerbürgerstadt in eine moderne Mittelstadt zu verwandeln, die schnell über ihre mittelalterlichen Grenzen hinauswuchs. Vorangetrieben wurde diese Modernisierung von den beiden Oberbürgermeistern Georg Merkel und Georg Calsow. Beim Tod Calsows 1926 war Göttingen eine Stadt auf der Höhe ihrer Zeit, die auch die gehobenen Ansprüche von Professoren und Studenten befriedigen konnte.


1886-1933
Felix Klein setzte die von Gauß und seinen Nachfolgern Peter Lejeune-Dirichlet und Bernhard Riemann begründete Tradition der Göttinger mathematischen Spitzenforschung fort. Zugleich schuf er gemeinsam mit der preußischen Wissenschaftsverwaltung (unter Friedrich Althoff) die Voraussetzungen für die zweite große Blütezeit der Göttinger Universität: In den folgenden Jahrzehnten wurde Göttingen zum weltweiten Zentrum der Naturwissenschaften. Fünf Wissenschaftler wurden für ihre Tätigkeit in Göttingen mit dem Nobelpreis geehrt: Otto Wallach (Chemie 1910), James Franck (Physik 1925), Richard Zsigmondy (Chemie 1925) und Adolf Windaus (Chemie 1928); Max Born, von 1922 bis zu seiner erzwungenen Emigration 1933 Professor in Göttingen, erhielt für seine grundlegenden Forschungen aus dieser Zeit 1954 den Nobelpreis für Physik. Auch viele andere weltbekannte Gelehrte studierten oder lehrten in dieser Zeit in Göttingen. Nicht wenige wurden später mit dem Nobelpreis geehrt (Werner Heisenberg, Peter Debye, Max von Laue). 1925 wurde Ludwig Prandtl erster Direktor des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Strömungsforschung, dem Vorläufer des heutigen Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation.

Auch in den anderen akademischen Fächern wirkten oder studierten bedeutende Gelehrte in Göttingen: der Philosoph Edmund Husserl, seine Schülerin Edith Stein, die Historiker Karl Brandi und Percy Ernst Schramm, der Sprachforscher Jacob Wackernagel, der Theologe Karl Barth und die Mediziner Robert Koch, Jacob Henle und Wilhelm Ebstein.


1920
Mit der Göttinger Stadtgeschichte eng verbunden ist die Wiederentdeckung der Opern Georg Friedrich Händels und die Begründung der Göttinger Händel-Festspiele, durch die die weltweite Händel-Renaissance eingeleitet wurde. Auf Initiative des Göttinger Kunsthistorikers Oskar Hagen wurde am 26. Juni 1920 im Stadttheater mit „Rodelinde“ erstmals seit dem 18. Jahrhundert wieder eine Oper des großen Barockkomponisten aufgeführt. Das Orchester stellte, wie auch in den folgenden Jahren, die Akademische Orchestervereinigung, deren Leiter Hagen bis zu seiner Übersiedlung in die USA 1925 war. Heute gehören die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen zu den weltweit beachteten Musikereignissen.


1933-1945
Die Herrschaft der Nationalsozialisten gründete sich auch in Göttingen auf Terror und Unterdrückung. Politische Gegner und vor allem die sogenannten „rassisch Minderwertigen“ wie Juden und Zigeuner wurden drangsaliert, inhaftiert, vertrieben und ermordet. Auch die jüdischen Professoren und Dozenten der Universität – darunter weltberühmte Gelehrte wie Max Born, James Franck und Emmy Noether – wurden entlassen und ins Exil getrieben. Die Glanzzeit der Georgia Augusta als Weltzentrum der Naturwissenschaft und Mathematik fand damit ein brutales Ende. Soweit sie nicht fliehen konnten, wurden die jüdischen Bürger verdrängt, materiell ruiniert, in sogenannten Judenhäusern zusammengetrieben und schließlich ermordet. Die Synagoge an der Maschstraße ging 1938 in Flammen auf, die letzten etwa 140 Mitglieder der vor 1933 über 400 Personen starken jüdischen Gemeinde wurden 1942 in zwei Transporten aus den fünf Göttinger Judenhäusern in die Vernichtungslager deportiert. Nur wenige überlebten den Völkermord.


1945-1948
Göttingen hatte den Zweiten Weltkrieg ohne größer Schäden überstanden, was für Stadt und Universität einen unschätzbaren Startvorteil bedeutete. Die Georgia Augusta nahm mit Erlaubnis der britischen Besatzungsmacht als erste deutsche Hochschule bereits zum 17. September 1945 ihren Lehrbetrieb wieder auf. Göttingen wurde zum Sammelbecken für Menschen vor allem aus akademischen und künstlerischen Berufen – als Beispiel sei nur der hochbetagte Physiker Max Planck (1858–1947) genannt, der hier seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte. Werner Heisenberg, der bereits in den Zwanzigerjahren als Privatdozent an der Göttinger Universität tätig gewesen war, kehrte 1946 nach Göttingen zurück und lehrte hier von 1947 bis 1958. Am 26. Februar 1948 wurde in Göttingen die Max-Planck-Gesellschaft gegründet, deren erster Präsident der Nobelpreisträger und spätere Göttinger Ehrenbürger Otto Hahn war. Im selben Jahr versammelten sich in Göttingen am 19. November vom Nationalsozialismus unbelastete Schriftsteller, unter ihnen Erich Kästner und Johannes R. Becher, Kulturminister der DDR von 1954 bis 1958, zur Gründung des ersten gesamtdeutschen deutschen PEN-Zentrums.


50er Jahre
In den Fünfzigerjahren gingen von der Göttinger Universität, die vor 1945 stark konservativ bzw. nationalsozialistisch geprägt gewesen war, entscheidende Anstöße zur Stärkung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der jungen Bundesrepublik aus. Drei Ereignisse sind in dieser Hinsicht besonders hervorzuheben. Zu Beginn der Jahre 1951 und 1952 kam es zu heftigen Protesten vor allem der Studentenschaft gegen den NS-Regisseur Veit Harlan („Jud Süß“), der in Göttingen neue Filme drehte. Als drei Jahre später der rechtsextreme Leonhard Schlüter zum niedersächsischen Kultusminister ernannt wurde, legten Rektor und Dekane der Göttinger Universität noch am selben Tag aus Protest ihre Ämter nieder. Der AStA trat geschlossen zurück, und es kam zu Demonstrationen. Am 12. April 1957 veröffentlichten einige der bedeutendsten Wissenschaftler der damaligen Zeit – darunter die „Göttinger“ Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker – die „Göttinger Erklärung“, mit der sie der von der Bundesregierung angestrebten atomaren Bewaffnung der Bundeswehr entgegentraten.


1967/1991
Als erster Göttinger Wissenschaftler nach 1933 wurde Manfred Eigen mit dem Nobelpreis geehrt; er erhielt die Auszeichnung im Fach Chemie. Eigen war entscheidend am Aufbau des Göttinger Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie beteiligt, aus dem in der Folgezeit weitere bedeutende Wissenschaftler hervorgingen, insbesondere Erwin Neher, Nobelpreisträger für Medizin 1991.


2007
Als einzige norddeutsche Universität wird die Georgia Augusta im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder gefördert. Ausgezeichnet wurde sie für das Zukunftskonzept „Göttingen. Tradition – Innovation – Autonomie“. Das Konzept zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung umfasst die Maßnahmen Brain Gain, Brain Sustain, LichtenbergKolleg und Göttingen International. Im Zuge des Exzellenzwettbewerbs konnten sich außerdem die Göttinger Graduiertenschule für Neurowissenschaften und Molekulare Biowissenschaften (GGNB) und das Exzellenzcluster „Mikroskopie im Nanometerbereich“ durchsetzen.





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