Nachruf auf Dr. Helmut Göbel

Am 4. Dezember 2025 ist Dr. Helmut Göbel verstorben – ein leidenschaftlicher Germanist, ein Wegweiser, Förderer und Mensch von beispielhafter Großzügigkeit und Güte. Mit Dankbarkeit gedenken wir eines Kollegen und Freundes, der 35 Jahre das Seminar für Deutsche Philologie auf prägende Weise mitgestaltete.

Allein ein Blick in das Vorlesungsverzeichnis 2003/2004, dem letzten Semester vor seinem Ausscheiden als Akademischer Oberrat, offenbart die außerordentliche Spannweite und Vielseitigkeit seines Engagements für das Seminar: von Pro- und Hauptseminaren zur Einführung in die Textanalyse (an Gedichten verschiedener Epochen und den Dramen Friedrich Dürrenmatts) sowie zur Berlin-Literatur (Huelsenbeck, Döblin, Kästner, de Mendelssohn) über ein Lektüreseminar zu den Büchnerpreisreden bis hin zu dem über Jahrzehnte gemeinsam mit Dr. Ludger Grenzmann verantworteten Erasmus-Seminar zu nationalen Selbst- und Fremdbildern; hinzu kamen Examenskolloquien, die Betreuung von Austauschprogrammen mit Universitäten des Auslands, u.a. Illinois und Genf, sowie seine Tätigkeit als akademischer Gutachter und Prüfer. Eine gewaltige Leistung, zumal seine Seminare stark gefragt und gut besucht waren und unzählige Studierende sich Dr. Göbel als Prüfer wünschten.

Helmut Göbel kam 1969 als Doktorand von Jakob Steiner an die Georg-August-Universität Göttingen und wurde 1971 mit der Arbeit „Bild und Sprache bei Lessing“ promoviert. Sein philologisches Wirken blieb tief in der Lessing-Forschung und -Edition verwurzelt, was sich besonders in seiner Mitarbeit an der achtbändigen Hanser-Lessing-Ausgabe zeigte, in deren beiden abschließenden Bänden mit den theologiekritischen Schriften er die verantwortliche Herausgeberschaft innehatte (1979). Hinzu traten bedeutende Interpretationen etwa von Lessings „Nathan der Weise“ (1979) und „Minna von Barnhelm“ – letzterer Beitrag mehrfach neu aufgelegt unter dem Titel „Theater nach dem siebenjährigen Krieg“ (1987).

Schon früh erschloss Helmut Göbel interdisziplinäre und interkulturelle Felder und scheute sich nicht, wissenschaftliches Neuland zu betreten. So verband er seinen Studien zu Andreas Gryphius’ „Cardenio und Celinde“ französische und deutsche Cervantes-Rezeption (1992) und erkundete in der Hoffmann-Forschung („Sprache der Musik“, „Hoffmann als Maler und Zeichner“, beide 1992) die Schnittstellen von Literatur, Musik und bildender Kunst. Architektur und Malerei standen ebenso im Fokus wie die künstlerisch-semantische Relevanz der Farbe „grau“, etwa bei Alberto Giacometti, Pablo Picasso und Gerhard Richter („Le gris chez Pablo Picasso, Alberto Giacometti et Gerhard Richter“, 2010). Mit dieser Offenheit verband er Text- und Bildwissenschaft, Geschichte, Musik und interkulturelle Studien zu einem außergewöhnlichen, grenzüberschreitenden Profil, das die Germanistik ebenso bereicherte wie die angrenzenden Geisteswissenschaften. Auch in der Literatur des 20. Jahrhunderts setzte er Maßstäbe. Arbeiten zu Elias Canetti, dessen Lebensdarstellung in den Rowohlts Monographien (2005) neue Einsichten in Leben und Werk des Autors eröffnete, Friedrich Dürrenmatt, Großstadtlyrik, politischem Drama im Nationalsozialismus sowie zu Gertrud Bäumer und H. G. Adler belegen die beeindruckende Bandbreite seines wissenschaftlichen Wirkens. Besondere Pionierleistungen erbrachte Helmut Göbel in der Wiederentdeckung und Edition von Veza Canetti. Mit der Herausgabe des Erzählzyklus „Die gelbe Straße“ (1990), einem Aufsatz, in dem er die Farbe „Gelb“ als Chiffre für verdeckte jüdische Identität deutete (1997), und der Initiierung sowie Betreuung des Text+Kritik-Bandes zu Veza Canetti (2002) sicherte er ihr Werk nachhaltig im kulturellen Gedächtnis.

In seiner Wohnung am Stegemühlenweg fanden legendäre Begegnungen und Gespräche mit Persönlichkeiten aus Literatur und Wissenschaft statt. Helmut Göbel war ein wunderbarer Gastgeber, er lud ein, nicht selten spontan, nach Veranstaltungen oder Tagungen, und es war ihm stets wichtig, dass auch Studierende unter den Gästen waren. Helmut Göbel kannte die Literaturszene wie kaum ein anderer. Freundschaftlich verbunden mit Friedrich Dürrenmatt, im Briefwechsel mit Elias Canetti und im Austausch mit Günter Grass, Peter Rühmkorf und vielen anderen, genoss er auch hier ein hohes Ansehen als belesener, kluger und inspirierender Gesprächspartner.

Auf vorbildhafte Weise lebte Dr. Helmut Göbel vor, wie Forschung und Lehre ineinandergreifen und einen offenen, fruchtbaren Dialog zwischen Wissenschaft und literarischer Öffentlichkeit ermöglichen. Auch seine Seminare waren nie ein Labor eigener Publikationen, sondern konsequent am Gegenstand und an den Studierenden orientiert, wissenschaftlich anspruchsvoll und zugleich von einer Atmosphäre getragen, die gemeinsames Lernen, kritisches Hinterfragen und persönliches Wachstum förderte. Mit pädagogischer Hingabe begleitete er Studienanfängerinnen und -anfänger bereits in der Orientierungsphase, begutachtete zahlreiche Qualifizierungsarbeiten, führte viele Prüfungen durch und bot in Zeiten sehr hoher Studierendenzahlen mit stiller Selbstverständlichkeit zusätzliche Seminare an. Aufwendig organisierte Exkursionen öffneten neue Perspektiven, und seine Förderung von Studierenden und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern – getragen von wissenschaftlichem Idealismus und menschlichem Wohlwollen – wurde in zahlreichen Projekten exemplarisch sichtbar. Besonders eindrücklich belegt dies die gemeinsam mit Studierenden erarbeitete Anthologie „Briefe an junge Dichter“ (1998), die im Rahmen einer über drei Semester laufenden Lehrveranstaltung entstand und in intensiver gemeinsamer Arbeit, oft bis in lange Abende in seiner Wohnung hinein, realisiert wurde. Auch in der kritischen Auseinandersetzung mit der Literatur im Nationalsozialismus setzte er Maßstäbe: In Vorlesungen und Seminaren machte er Ideologie und Ästhetik jener Zeit anhand ausgewählter Originalpublikationen aus seiner privaten Sammlung anschaulich erfahrbar. So leistete er bedeutsame Beiträge zum fachlichen Selbstverständnis und zum Ansehen der Göttinger Germanistik, national wie international, und stellte an die Qualität akademischer Lehre höchste Ansprüche, in wissenschaftlicher wie in atmosphärischer Hinsicht.

Sein prägendes Engagement zeigte besondere Strahlkraft in Kooperationen und internationalen Programmen: Über lange Jahre leitete er, häufig im Team mit Dr. Ludger Grenzmann und Dr. Hermann Krapoth, das interdisziplinär angelegte Erasmus-Seminar für französische Programmstudierende, sorgfältig vorbereitet und oft mit Materialien, die sonst kaum zugänglich waren. Internationalität lebte er als Praxis: 1985 trug er wesentlich zum Gelingen des unter der Leitung von Prof. Dr. Albrecht Schöne in Göttingen ausgerichteten Weltkongresses der Internationalen Vereinigung für Germanistik bei; Gastdozenturen und Vorträge führten ihn unter anderem nach Genf, Kaliningrad, Illinois und Lissabon. Helmut Göbel war weit vernetzt und kosmopolitisch, ein wahrer „global player“ der Göttinger Germanistik.
Für seine Souveränität, Professionalität und seinen wachen Blick auf Menschen und Inhalte wurde Helmut Göbel im gesamten Kollegium hochgeschätzt. Über Interessengegensätze und Rivalitäten hinweg stand er für Integrität und genoss weit über die Fachgrenzen hinaus Vertrauen und Anerkennung. Im Gespräch dialogisch, präzise und unprätentiös, vermochte er – selbst ein begabter Maler und Zeichner – wie kaum ein anderer mit Worten zu malen: anschaulich und ohne jede Eitelkeit. Als Sammler mit ausgeprägter Bibliophilie und unersättlicher Leser mit weitem intellektuellem und ästhetischem Horizont beeindruckte er immer wieder mit einer einzigartigen Mischung aus profundem Wissen und feiner Erzählkunst. Seinen Ausführungen folgte man gern und gebannt, stets um neue Einsichten bereichert.

Helmut Göbels Präsenz war von menschlicher Wärme getragen: eine tiefe, freundliche Stimme, ein warmes Lachen, ein zugewandter Blick. In seiner Nähe konnte sich jeder aufgehoben fühlen; höflich und zuvorkommend, verband er weltläufige Bildung mit natürlicher Herzlichkeit. Wir nehmen Abschied in Trauer, Hochachtung und tiefer Dankbarkeit.