Forschungsverbund: 'Raue Demokratien'
Das von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderte Gesamtprojekt „‚Raue‘ Nachkriegsdemokratien: Gewalt im politischen Alltag (1945–1960)“ untersucht das Verhältnis von Demokratie und Gewalt in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Es geht von der These aus, dass diese Nachkriegsdemokratien nicht nur stabile politische Ordnungen waren, sondern zugleich von einer anhaltenden Präsenz physischer Gewalt im politischen Alltag geprägt wurden und daher auch als ‚raue Demokratien‘ beschrieben werden können. Drei Teilstudien analysieren diese Zusammenhänge vergleichend am Beispiel Westdeutschlands und Österreichs, Japans und Italiens.
„Die Waffen der Demokratie“: Polizeigewalt und Rechtsstaat im italienischen „Kalten Bürgerkrieg“ (1947–1960)
Das von Christoph Ehlert bearbeitete Teilprojekt untersucht das Teilprojekt den polizeilichen Schusswaffengebrauch im Kontext sozialer und politischer Konflikte in der frühen italienischen Republik zwischen 1947 und 1960. In diesen Jahren kam es bei Demonstrationen, Streiks und Arbeitskämpfen wiederholt zu tödlichen Polizeieinsätzen gegen Demonstrierende. Diese Gewalt ereignete sich in einem stark polarisierten politischen Klima, das in der Forschung häufig als italienischer ‚kalter Bürgerkrieg‘ beschrieben wird. Der kommunistische Gegner erschien vielen politischen Akteuren als ‚innerer Feind‘, gegen den der Staat entschlossen vorgehen müsse; der Einsatz tödlicher Polizeigewalt wurde daher vielfach als notwendige Verteidigung der demokratischen Ordnung legitimiert und war eng mit der Politik des christdemokratischen Innenministers Mario Scelba verbunden, die unter dem Begriff ‚scelbismo‘ bekannt geworden ist.
Während die 1950er Jahre heute häufig als Phase wirtschaftlicher Modernisierung und politischer Stabilisierung erinnert werden, gerät diese Dimension staatlicher Gewalt leicht aus dem Blick. Das Teilprojekt untersucht daher, wie polizeilicher Schusswaffengebrauch politisch legitimiert oder delegitimiert, juristisch bewertet und öffentlich verhandelt wurde und unter welchen Bedingungen sich die gesellschaftliche Akzeptanz solcher Gewalt veränderte. Ziel ist es zu verstehen, welche Rolle staatliche Gewalt für die Funktionsweise und Stabilisierung der italienischen Nachkriegsdemokratie spielte und wie in diesen Auseinandersetzungen die Grenzen legitimer Gewalt in der italienischen Gesellschaft nach 1945 ausgehandelt wurden.