150 Jahre Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte

Im Jahr 1876 erhielt die Universität von der Regierung die vergleichsweise große Summe von 600 Mark, damit die Professoren der Geschichtswissenschaften Bücher und Lehrmittel anschaffen sowie Dissertationen in den Druck geben konnten. Das Seminar wurde als Institution geschaffen und hat mit seiner Seminarbibliothek bis heute einen veritablen Mittelpunkt.
Das „Historische Seminar“, wie es lange Zeit hieß, ergänzte den „Diplomatischen Apparat“, wie er seit 1802 als Lehrsammlung, seit 1856 als Institut der Universität bestand. Hierbei ging es nicht um auswärtige Beziehungen, sondern um die Lehre von den Urkunden („Diplomatik“). Tatsächlich wurden die Historischen Hilfswissenschaften seit Gründung der Universität auf höchstem Niveau gelehrt – die Lehre von den alten Schriften (Paläographie), auch die Numismatik (Münzkunde), die Sphragistik (Siegelkunde) und die Heraldik (Wappenkunde), sodann im späten 19. Jahrhundert die Aktenkunde. Diese Disziplinen waren zentral, um die rechtssetzenden Dokumente aus der Geschichte Deutschlands lesen, verstehen und auf ihre Echtheit prüfen zu können. Als das Historische Seminar 1876 hinzukam, erhielt die quellenkundliche Ausbildung an der Georgia Augusta damit erstmals einen institutionellen Rahmen, der über die Hilfswissenschaften hinaus auf die historische Interpretation und Forschung zielte.
Ein „Seminar“ war auch eine besonders interaktive Lehrform, gleichzusetzen mit „Übung“. Kurz nach der Gründung der Universität begann man, Geschichte anhand von Originalen zu unterrichten, die eigens hierfür erworben wurden. Diese Unterrichtsform wurden explizit gefördert, doch hiermit verband man zweierlei: Erstens wurde die Lehrform des Seminars nun für die zukünftigen Lehrer, seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch Lehrerinnen, geöffnet und sollte nicht nur der Forschung dienen. Und zweitens ging mit dieser Öffnung der Lehrform für die zukünftigen Lehrkräfte und damit Staatsbeamten die Hinwendung zu Preußen einher. In Göttingen wurde hinfort Reichsgeschichte gelehrt – auch der Aufstieg Preußens, die Relevanz der neuen „kleindeutschen" Nation.
Umfasste das „Historische Seminar“ lange Zeit die Alte Geschichte, so wurde diese nach dem Zweiten Weltkrieg ausgegliedert – zurück blieb das „Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte“. Hier studierte schon lange vor dem Ersten Weltkrieg eine Vielzahl von Studierenden, deren Anzahl rasch wuchs. Schon bald ging es nicht mehr nur um „deutsche“ Geschichte – auch die Vereinigten Staaten von Europa, England und das Empire rückten in den Fokus, dann die Kolonien und Kolonialreiche. Die Zahl der Professuren blieb lange Zeit gleich, aber es traten sogenannte „Außerordentliche" Ordinariate an ihre Seite. So genoss das Historische Seminar einen herausragenden Ruf und richtete beispielsweise bedeutende Tagungen wie den „Historikertag“ als Zusammenkunft aller deutschsprachigen Historiker aus.
Nach dem Ersten Weltkrieg setzten „die Historiker“ ihre Schwerpunkte in Forschung neu. Weiterhin „national“ ausgerichtet, gab es unter den Professoren nur wenige, welche die Weimarer Republik begrüßten – die meisten lehnten die Veränderungen ab. Doch gleichzeitig bemühte man sich um Anerkennung der deutschen Position – das Historische Seminar richtete 1932 den Internationalen Historikertag in Göttingen aus. Die rückwärtsgewandten Sichtweisen beförderten die Hinwendung der Universität zum Nationalsozialismus – Lehrende äußerten sich offen antisemitisch.
Die Wiederaufnahme der Lehre im August 1945 war kein Bruch mit der Vergangenheit – bis sich Hermann Heimpel, Percy Ernst Schramm und weitere vom Nationalsozialismus und ihrem eigenen Tun distanzierten, vergingen Jahre bis Jahrzehnte. Erst allmählich setzte ein Wandel ein, der von neuen inhaltlichen Schwerpunkten begleitet wurde: Zum Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte gehörte ab 1955 die Professur für osteuropäische Geschichte, ab 1958 die Professur für niedersächsische Landesgeschichte. Mit Helga Grebing wurde 1972 die erste Frau auf eine Professur sowohl für neuere Geschichte als auch für Sozialgeschichte berufen, die sich nicht nur der Geschichte der Arbeiterbewegung zuwandte, sondern – wie andere aus Göttingen – vehement im sogenannten Historikerstreit Stellung bezog.
Das Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte umfasst heute elf Professuren – hinzu treten die Alte Geschichte, die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die Indische sowie Ostasiatische Geschichte in jeweils eigenen Instituten. Fast 1000 Studierende sind in den Studiengängen Bachelor, Master und Promotion eingeschrieben.
Das SMNG feiert sein Jubiläum mit einem Festakt am 3.6. ab 12:30 Uhr in der Aula der Universität. Im Zentrum einer kleinen Tagung steht die systematische Selbstreflexion über lokale, nationale und internationale Fachkultur(en) der Geschichtswissenschaft. Der Fokus liegt weniger auf einer Chronologie von Ereignissen, sondern auf den Praktiken, Routinen und Prozessen, durch die die disziplinäre Kultur der Geschichtswissenschaft hervorgebracht wird. Entsprechend richtet die Tagung ihre Aufmerksamkeit auf fachspezifische Diskurs- und Interaktionsformen ebenso wie auf Konjunkturen und Formate in der Lehre. Darüber hinaus werden exemplarisch die Verflechtungen der Geschichtswissenschaft mit ideologischen Kontexten beleuchtet sowie Formen von Aktivismus und Protest von Studierenden und Lehrenden in den Blick genommen.
Den Abschluss der Tagung bildet die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Kathrin Klausmeier, die seit die Professur für die Didaktik der Geschichte bekleidet.