Prozesse der Differenzierung und Integration im Schulalltag
Freitag, 13. Juni 2003
Ort: Hörsaal II im Waldweg 26, Göttingen
Zeit: 14.00 bis 16.00 Uhr
Moderation: Doris Lemmermöhle
Das Eigenleben von Zensuren. Beobachtungen aus dem schulischen Alltag
Georg Breidenstein (Halle/Saale)
Soziale Integration und Unterrichtung von Kindern mit emotionalem und sozialen Förderbedarf
Ulf Preuss-Lausitz (Berlin)
Unterschiede machen: Ethnisierende und geschlechtsbezogene Zuschreibungen in schulischen Interaktionen
Martina Weber (Hamburg
[Top]
Das Eigenleben von Zensuren. Beobachtungen aus dem schulischen Alltag
Georg Breidenstein (Halle/Saale)
Den Hintergrund des Beitrages bildet das DFG-Projekt "Jugendkultur in der Unterrichtssituation". Es zielt auf die kulturanalytische Rekonstruktion des Schülerhandelns im Unterricht. Während weite Teile der Schul- und Unterrichtsforschung auf Probleme des Lehrerhandelns gerichtet sind, fokussiert die Untersuchung auf den interaktiven Umgang mit den Anforderungen der Unterrichtssituation auf Seiten der Schülerinnen und Schüler. Das Projekt begleitet zwei Schulklassen an zwei kontrastierenden Schule in mehreren Phasen teilnehmender Beobachtung in der 7. und 8. Jahrgangsstufe. Das Feld der Ethnographie bildet die Schulklasse, weil davon ausgegangen wird, dass diese den entscheidenden sozialen Kontext für die Herausbildung, Etablierung und Ausdifferenzierung von Umgangsweisen mit Schulunterricht darstellt. Mit den Mitteln der teilnehmenden Beobachtung, der Videographie und Gruppendiskussionen werden immanente Regeln und Logiken des Schülerhandelns mit Blick auf die soziale Differenzierung der Schulklasse herausgearbeitet.
Der vorgesehene Beitrag präsentiert erste ethnographische Analysen zu einem konkreten Gegenstand: Schulische Zensuren und ihre praktische Handhabung in der Peer Kultur der Schülerinnen und Schüler. Untersucht werden schulalltägliche Situationen wie die Rückgabe von Klassenarbeiten, die Bewertung mündlicher Leistungen oder etwa die Bekanntgabe von Zeugniszensuren. Dabei sind Routinen und Ritualisierungen zu entdecken, in denen schulische Noten sich verselbständigen und ein Eigenleben jenseits aller schultheoretischen oder -pädagogischen Zwecke der Notengebung entwickeln.
In Gruppendiskussionen schließlich lässt sich die kommunikative Bearbeitung sowohl guter als auch schlechter Zensuren unter den Peers beobachten. Es zeigt sich insgesamt, dass die ethnographische Analyse der Peer Kultur von Schülerinnen und Schülern die Frage nach Wirksamkeit und Effekten schulischer Zensuren in neuer Weise zu stellen vermag.
[Top]
Soziale Integration und Unterrichtung von Kindern mit emotionalem und sozialen Förderbedarf
Ulf Preuss-Lausitz (Berlin)
In einer dreijährigen Studie, die durch die FG Schulpädagogik und Päd. Psychologie der TU Berlin in Kooperation mit der Schulaufsicht und dem Bildungsministerium des Landes Berlin durchgeführt wird, soll untersucht werden, welche Kommunikations- und Unterrichtsformen die soziale und lernmäßige Entwicklung verhaltensauffälliger Kinder im Grundschulalter (1.-6. Schj.) besonders fördern, wie der Erfolg im sozialen und emotionalen Bereich einzuschätzen ist und wie die Zusammenarbeit zwischen Schule und anderen Hilfeeinrichtungen, insbesondere der Jugendhilfe und des Schulpsychologischen Dienstes, zu optimieren ist.
In die Untersuchung sind insgesamt 25 Klassen des Arbeiterbezirks Berlin-Wedding und des eher bürgerlichen Bezirks Berlin-Mitte (alt) einbezogen, die offiziell Kinder mit festgestelltem sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich Verhalten integrieren. Instrumente der Untersuchung sind systematisierte und teilweise jährlich wiederholte Befragungen von Eltern, Lehrern und Schülern, Soziogramme, Fallanalysen, Analysen der Förderdiagnostik, Unterrichtsbeobachtungen.
Im 2. Jahr kann festgestellt werden, dass der Anteil der Jungen erwartungsgemäß hoch ist, der Anteil von Migrantenkindern im Durchschnitt liegt. Es liegt eine hohe Mobilität der betreffenden Schüler vor. Die Schulmotivation und die Fächerorientierung ist zumeist ähnlich wie aller Kinder der Schulen. Die (positive) Selbstwahrnehmung der sozialen Verankerung in den Klassen weicht meist stark von der realen (negativen) Bewertung der Mitschüler/innen ab (Veränderungen können auf der Tagung berichtet werden). Unterrichtsbeobachtungen zeigen, dass Formen der Schülerpartizipation bei gleichzeitiger Klarheit des Klassenmanagements günstige Voraussetzungen für soziales Verhalten und für die Lernorientierung der Schüler ist. Eine enge Kooperation zwischen Klassenlehrer, Schulleitung, Eltern und außerschulischen Hilfeeinrichtungen unterstützt diesen Prozess.
[Top]
Unterschiede machen: Ethnisierende und geschlechtsbezogene Zuschreibungen in schulischen Interaktionen
Martina Weber (Hamburg
An der Konstruktion des "türkischen Mädchens" wird dargestellt, in welcher Weise die Kategorien Ethnizität und Geschlecht diskursiv verknüpft werden. Am Beispiel einer Unterrichtsstunde in einem Deutschkurs der gymnasialen Oberstufe werden Diskrepanzen und Übereinstimmungen im Spannungsfeld von Fremd- und Selbstethnisierungen beleuchtet.
Dieser Vortrag ist ein Ausschnitt aus meiner Dissertation "Heterogenität im Schulalltag. Konstruktion ethnischer und geschlechtlicher Unterschiede". Das Ziel bestand darin, Aufschluss über schulische Interaktionen zu gewinnen, die von ethnisierenden und vergeschlechtlichenden Etikettierungen beeinflusst werden, und deren Bedeutung für den pädagogischen Alltag abzuwägen. Exemplarisch am Konstrukt des "türkischen Mädchens" konnte gezeigt werden, dass Marginalisierungsprozesse in schulischen Interaktionen durch die Zuschreibung ethnisch markierter Genderpraktiken realisiert und legitimiert werden.
Die Erhebung für dieses ethnographische Forschungsprojekt wurde im 12. und 13. Jahrgang an verschiedenen Schulformen der gymnasialen Oberstufe (Gymnasium, Gesamtschule, Aufbaugymnasium) in einer westdeutschen Großstadt durchgeführt. Die Datenbasis bilden Interviews mit Schülerinnen und ihren Lehrkräften, Unterrichtsbeobachtungen, Feldnotizen, Auswertung von Unterrichtsdokumenten und Interviews mit Schulleitungspersonal. Ein Schwerpunkt der Analyse liegt auf Zuschreibungen von Lehrkräften gegenüber allochthonen Schülerinnen, die unter verschiedenen Aspekten untersucht wurden. Den theoretischen Hintergrund bildet vor allem Bourdieus Konzept des Habitus.
[Top]