In publica commoda

Differenzielle Wirkungsanalyse von Lernförderansätzen

Freitag, 13. Juni 2003
Ort: Hörsaal III im Waldweg 26, Göttingen
Zeit: 14.00 bis 16.00 Uhr
Moderation: Marcus Hasselhorn


Aktives Fragenstellen beim rezeptiven Lernen: Eine kompensatorische Lernstrategie
Karl-Heinz Arnold (Hildesheim) & Anne Levin (Berlin)


Evaluation eines Programms zur Förderung des Textverstehens zu Beginn der Sekundarstufe I
Elmar Souvignier, Judith Küppers, Katja Müller & Andreas Gold (Frankfurt/Main)


Kulturtheoretische Schulbegleitforschung zum integrativen und binnendifferenzierenden Anspruch einer Fortbildungsinitiative
Una Dirks (Hildesheim), Wilfried Hansmann (Kassel) & Andreas Broszio (Hildesheim)


Nachrichten: Wichtig? Richtig? Nichtig? Medienkompetenz für Schüler – Zur differenziellen Wirksamkeit eines Medienkompetenztrainings für Schüler
Anett Brauner & Marcus Hasselhorn (Göttingen)



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Aktives Fragenstellen beim rezeptiven Lernen: Eine kompensatorische Lernstrategie
Karl-Heinz Arnold (Hildesheim) & Anne Levin (Berlin)


Rezeptives Lernen ist die im Schul- und Hochschulsystem häufigst anzutreffende Lernform. Die Nutzung von Lernstrategien bietet auch und insbesondere für das rezeptive Lernen eine Möglichkeit der Effizienzsteigerung. Die vorliegende Untersuchung überprüft die Wirkungen des aktiven Fragenstellens als einer tiefenorientierten Lernstrategie. In unterschiedlichen Lernsettings hat sich die Effizienz des angeleiteten und somit zur expliziten Lernhandlung gestalteten Fragenstellens nachweisen lassen (für den darbietenden Unterricht: King, 1991; für den erarbeitenden Unterricht: Neber, 1999; bei elektronischen Lehrtexten: Häfele, 1995).

Ob in heterogenen Lerngruppen eine kompensatorische Nutzung von Lernstrategien für Schüler mit geringem Vorwissen oder ungünstiger Motivation möglich ist, erscheint jedoch fraglich (Baumert & Köller, 1996). Das Forschungsprojekt "Questioning: Lernen durch Fragen" untersucht diese didaktisch durchaus plausible Hypothese. Für den universitären Unterricht (Einführungsvorlesung und Seminare) ist eine spezifische Ergänzung konzipiert worden: Studierende werden regelmäßig dazu aufgefordert, Fragen zum Lehrstoff zu generieren und zu notieren. Somit wird regelmäßig und häufig Gelegenheit gegeben, Verstehensprobleme anzuzeigen und damit individuelle Lernprobleme zu beseitigen, und zugleich wird das aktive Generieren von Fragen auf unterschiedlichen kognitiven Niveaus angeregt.

Im Rahmen der experimentellen Studie (N= 301 Studierende der Erziehungswissenschaft) werden die generellen Effekte unterschiedlicher Frageanleitungen (offen vs. taxonomisch strukturiert) untersucht und deren spezifische kompensatorische Wirkung sowohl durch (a) eine Methodenbewertung der Studierenden als auch durch (b) eine vorwissensabhängige Abschätzung des erreichten Lernstands geprüft.


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Evaluation eines Programms zur Förderung des Textverstehens zu Beginn der Sekundarstufe I
Elmar Souvignier, Judith Küppers, Katja Müller & Andreas Gold (Frankfurt/Main)


Fragestellung:
Ziel des Forschungsvorhabens ist die Implementation eines Lesestrategietrainings in den regulären Deutschunterricht. Eine der Fragestellungen unserer Untersuchung ist, in welcher Weise und mit welchem Erfolg ein unterrichtliches Lesestrategietraining um metakognitive und motivationale Trainingsbausteine ergänzt werden kann. Über eine generelle Wirksamkeitsprüfung hinaus wurde untersucht, ob muttersprachlicher Hintergrund, Leseinteresse, Geschlecht oder Deutschnote der Schüler die Trainingseffekte moderieren.

Theoretischer Hintergrund:
Theorien zum selbstregulierten Lernen legen es nahe, Lesestrategien nicht isoliert, sondern in Verbindung mit metakognitiven und motivationalen Strategien zu vermitteln. Auch Resultate der kognitiven Trainingsforschung weisen in diese Richtung.

Methode:
An der Untersuchung nahmen insgesamt 48 fünfte und sechste Klassen teil. Neben einer Kontrollgruppe, die regulären Deutschunterricht erhielt, wurden drei Trainingsgruppen gebildet: In einer Gruppe wurden kognitive Lesestrategien trainiert. Eine zweite Gruppe erhielt zusätzlich ein metakognitives Training der Überwachung, Planung und Steuerung des Strategieeinsatzes. Eine dritte Gruppe schließlich erhielt das vollständige Programm, das kognitive Lesestrategien, metakognitive Strategien sowie motivationale Elemente umfasst. Das Programm, das in jeder der drei Versionen etwa 20 Schulstunden umfasst, wurde von Lehrerinnen und Lehrern in den Deutschunterricht integriert. Im Rahmen eines Prä-Post-FollowUp-Designs wurden auf Seiten der Schüler unter anderem Wissen über die vermittelten Textbearbeitungsstrategien und Transferleistungen auf das Leseverstehen erhoben.

Ergebnisse:
Das Training führte – insbesondere im Hinblick auf das Lesestrategiewissen – zu überlegenen Leistungen der trainierten Schüler. Wenngleich die Unterschiede zwischen den drei Trainingsversionen gering sind, fallen die Effekte bei dem vollständigen Programm mit drei Trainingsbausteinen doch am ermutigendsten aus. In Haupt-, Real- und Gesamtschulklassen zeigte sich allerdings, dass vor allem Schüler mit guten und sehr guten Leistungen im Deutschunterricht von dem Training profitierten. Eine Adaptation des Trainings für ein niedrigeres Leistungsniveau erscheint daher angezeigt.


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Kulturtheoretische Schulbegleitforschung zum integrativen und binnendifferenzierenden Anspruch einer Fortbildungsinitiative
Una Dirks (Hildesheim), Wilfried Hansmann (Kassel) & Andreas Broszio (Hildesheim)


In unserem Vortrag präsentieren wir erste Ergebnisse aus einem laufenden Schulbegleitforschungsprojekt, das die Struktureffekte einer integrativen und binnendifferenzierenden Fortbildungsmaßnahme hinsichtlich der Reform von Unterricht und der Professionalisierung von LehrerInnen untersucht.

Der integrative Anspruch der Fortbildungsmaßnahme lautet: LehrerInnen organisieren "ihre Arbeit im Team" und entwickeln durch die Teilnahme an "Trainings" eine gemeinsame Methodenkultur im Unterricht. Binnendifferenzierung im Unterricht soll dadurch erfolgen, dass es SchülerInnen mithilfe 'neuer' Arbeits-, Kommunikations- und Kooperationstechniken ermöglicht wird, i.S. konstruktivistischen Lernens individuelle Lernwege zu beschreiten und selbstständige Lösungen von Problemstellungen zu erkunden.

Unser Begleitforschungsprojekt zielt auf die Klärung u.a. folgender Fragen:
Wie versuchen die LehrerInnen, ihre Unterrichtspraktiken im Hinblick auf den integrativen und binnendifferenzierenden Anspruch des Fortbildungsprogramms zu verändern?
Welche Auswirkungen haben diesbezügliche Bemühungen auf ihre Professionalisierung?
In welchem Relationierungsverhältnis stehen professionalisierungsförderliche Effekte zu strukturellen Veränderungen der Institution ‚Schule’?

Um die Dialektik von Handeln und Struktur hinreichend zu berücksichtigen, arbeiten wir in unserem Projekt mit Portfolios/Projekttagebüchern, die insbesondere individuelle Relevanzsetzungen beinhalten, sowie mit Gruppendiskussionen, die zudem Einblick in die kollektiven Orientierungsrahmen der LehrerInnen geben. Die Daten werden prozessbegleitend während des gesamten zweijährigen Fortbildungszeitraums erhoben. Die Datenanalyse erfolgt mithilfe der Dokumentarischen Methode nach Karl Mannheim und Ralf Bohnsack. Das verwendungstheoretische Anliegen unserer Untersuchung zielt auf die Generierung valider Erkenntnisse zur Schulentwicklungspraxis, die auch für die Implementierung weiterer Reformprojekte anschlussfähig sein könnten.


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Nachrichten: Wichtig? Richtig? Nichtig? Medienkompetenz für Schüler – Zur differenziellen Wirksamkeit eines Medienkompetenztrainings für Schüler
Anett Brauner & Marcus Hasselhorn (Göttingen)


Mit der voranschreitenden Medialisierung des Alltags ist die Vermittlung von Medienkompetenz eine immer zentraler werdende Aufgabe. In einer Vielzahl von Projekten wird der Versuch unternommen, theoretische Überlegungen praktisch umzusetzen. Doch was können Projekte mit der Zielstellung "Erhöhung der Medienkompetenz" leisten? Werden sie ihren Ansprüchen gerecht? Am Beispiel einer formativen Evaluation eines pädagogischen Medienkompetenztrainings für Schüler aller Schulformen ab der achten Klasse soll die Wirksamkeit eines solchen Projektes überprüft und verbessert werden. Zusätzlich werden die Daten hinsichtlich differenzieller Wirkungen analysiert. Unterscheiden sich Schüler verschiedener Altersgruppen im "Kompetenzzuwachs"? Profitieren Schüler verschiedener Schulformen unterschiedlich vom Projekt?

Im Rahmen dieses außerschulischen Projektes lernen die Schüler zunächst die professionelle Arbeitsweise von Fernsehjournalisten theoretisch kennen. Anschließend vertiefen und erweitern sie ihre theoretischen Kenntnisse beim Produzieren einer eigenen 15-minütigen Nachrichtensendung. Aus theoretischer Perspektive kann dieses Projekt in den Kontext des entdeckenden Lernens eingeordnet werden, d.h. die Schüler erwerben beiläufig und ohne direkte Instruktionen das Wissen und die Regeln des Beschäftigungsgegenstandes.

Für die Evaluation wurde ein Kontrollgruppen-Design mit Vor- und Nachtest realisiert. Zur Erfassung der Medienkompetenz ist ein inhaltlich valider Fragebogen konstruiert worden. Zusätzlich bearbeitete die Experimentalgruppe einen Fragebogen zur subjektiven Zufriedenheit mit dem Projekt. Die Experimental- und Kontrollgruppe wurde hinsichtlich der Intelligenzwerte parallelisiert.

Die varianzanalytische Auswertung zeigt, dass das Projekt in der derzeitigen Durchführung insbesondere im Bereich der Wissensvermittlung wirksam ist. Die Vermittlung von Fertigkeiten ist ebenso wie die Vermittlung einer medienkritischen Einstellung noch zu optimieren. Einige differenzielle Effekte geben Hinweise, wie diese Optimierungen gestaltet werden können.


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