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Subjektive Theorien und Einstellungen von Lehrerinnen und Lehrern

Donnerstag, 12. Juni 2003
Ort: Hörsaal II im Waldweg 26, Göttingen
Zeit: 16.00 bis 18.00 Uhr
Moderation: Doris Lemmermöhle

Zum Einfluss subjektiver Theorien von Lehrern auf Schulleistung, Interesse und Selbstkonzept von Schülern im Physikunterricht
Christoph Müller (Kiel)


Vorstellungen von Lehrerinnen und Lehrern zum Unterricht über 'Menschenrassen' und Rassismus. Ein Forschungsprojekt im Rahmen des Modells der Didaktischen Rekonstruktion
Anne Janßen-Bartels (Oldenburg)


Implizite Theorien angehender Lehrerinnen und Lehrer über individuelle Faktoren schulischer Leistung
Christian Buckmann (Oldenburg)


Den Alltag vielleicht ein bisschen besser zu verstehen – Vorstellungen junger Lehrerinnen und Lehrer zum subjektiven Sinn, den Schülerinnen und Schüler ihrem Physik- und Chemieunterricht zuerkennen
Uwe Hericks (Hamburg)



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Zum Einfluss subjektiver Theorien von Lehrern auf Schulleistung, Interesse und Selbstkonzept von Schülern im Physikunterricht
Christoph Müller (Kiel)


Vorgestellt wird eine Untersuchung, die der Frage nachgeht, inwieweit unterschiedliche LehrerInnen-Vorstellungen vom Lehren und Lernen die Entwicklung der Leistung, des Interesses und der Einstellungen der SchülerInnen im Physikunterricht beeinflussen. Die Studie ist eingebettet in das DFG-Projekt "Lehr-Lern-Prozesse im Physikunterricht – eine Videostudie" am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel. Die Untersuchung basiert auf einem Theoriemodell, das konstruktivistische Annahmen und Überlegungen im Rahmen des "Forschungsprogramms Subjektive Theorien" kombiniert und integriert. Untersucht wurde eine Stichprobe von 13 PhysiklehrerInnen (Gymnasium und Realschule) in Bayern und Schleswig-Holstein. Mit den Lehrern wurde im Anschluss an insgesamt sechs Unterrichtsaufnahmen im DFG-Projekt ein strukturiertes Interview, bestehend aus einem allgemeinen Teil und einem stimulated recall, durchgeführt. Den Schülern wurden am Beginn und am Ende des Schuljahres ein Physiktest und ein Fragebogen zu Interesse, Selbstkonzept, Lernbegriff etc. vorgelegt. Auf der Grundlage des konstruktivistischen Theoriemodells wurde ein Kodiermanual für das Lehrerinterview entwickelt. Die Lehrerinterviews liegen als Tonaufnahmen vor und wurden mit dem vollständig transkribierten Wortlaut des Gesprächs unterlegt und mit Hilfe der Videoanalysesoftware Videograph analysiert. Kodiert wurden Indikatoren der subjektiven Theorien von Lehrern zu den Bereichen Zielorientierung, Unterrichtsziele, Vorstellungen vom Lehren und Lernen und der Rolle als Lehrer, Unterrichtsstrategien, Einstellungen gegenüber Schülern, fachübergreifende Kompetenzen, Vorstellungen zur Natur der Naturwissenschaften, Umgang mit Alltagsvorstellungen sowie Art und Funktion von Experimenten. Es ergeben sich signifikante Korrelationen einzelner Indikatoren mit den Ergebnissen des Leistungstests sowie den Fragebogenergebnissen zu Sach- und Freizeitinteresse, fachspezifischem Selbstkonzept und Kompetenzerleben. Darüber hinaus lassen sich aufgrund der Ergebnisse vier Lehrertypen unterscheiden und qualitativ beschreiben; die gefundenen Lehrertypen korrelieren signifikant mit dem Leistungszuwachs der Schüler.


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Vorstellungen von Lehrerinnen und Lehrern zum Unterricht über 'Menschenrassen' und Rassismus. Ein Forschungsprojekt im Rahmen des Modells der Didaktischen Rekonstruktion
Anne Janßen-Bartels (Oldenburg)


Seit Anfang der 90er Jahre werden zunehmend Lehrervorstellungen empirisch untersucht, um auf konstruktivistischer Grundlage Konzepte zur Lehrerbildung zu entwickeln. Gerade bei dem Thema "Menschenrassen und Rassismus" bietet sich dies an, weil diesbezügliche Vorstellungen nicht nur von der fachwissenschaftlichen Bildung, sondern auf Grund der gesellschaftspolitische Brisanz des Themas in besonderem Maße auch von persönlichen Sichtweisen und Erfahrungen sowie dem zeitgeschichtlichen Hintergrund geprägt sind.

Die vorliegende Forschungsarbeit beschäftigt sich mit Vorstellungen von Biologielehrern zu "Menschenrassen und Rassismus". Das Ziel liegt darin, Leitlinien für die Fortbildung von Biologielehrern zu entwickeln, die zur Prävention von Rassismus beitragen.

Den theoretischen und methodischen Forschungsrahmen bildet das Modell der Didaktischen Rekonstruktion. Kennzeichnend für diesen Ansatz ist, dass didaktische Konsequenzen auf der Basis einer didaktischen Analyse und eines Vergleichs von lebensweltlichen und wissenschaftlichen Vorstellungen gezogen werden. Es finden qualitative Erhebungs- und Auswertungsmethoden (halbstrukturierte, problemzentrierte Interviews; Qualitative Inhaltsanalyse) Anwendung.

Es werden drei Dimensionen von Lehrervorstellungen untersucht:
- zu biologistischen Aussagen in rassistischen Argumentationen,
- zu Schülervorstellungen zu diesem Bereich,
- zu Umsetzungsmöglichkeiten des Themas "Menschenrassen und Rassismus" im Biologieunterricht.

Bisher gewonnene Ergebnisse weisen darauf hin, dass einige Lehrervorstellungen dimensionsspezifische Eigenheiten sowie geringe Übereinstimmungen mit den aktuellen, fachwissenschaftlichen Konzepten aufweisen. Leitlinien für die Aus- und Fortbildung von Biologielehrern müssen also darauf abzielen, dass Lehrer ihre eigenen Vorstellungen auf dem fachwissenschaftlichen Hintergrund reflektieren und zu einem konsistenten Unterrichtskonzept gelangen.

Im Vortrag werden Ergebnisse durch exemplarische Darstellung von Lehrervorstellungen und darauf aufbauenden, ersten didaktischen Konsequenzen präsentiert.


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Implizite Theorien angehender Lehrerinnen und Lehrer über individuelle Faktoren schulischer Leistung
Christian Buckmann (Oldenburg)


Fällt der Apfel nicht weit vom Stamm oder kein Meister vom Himmel? Begabung oder Anstrengung werden verschiedentlich als dominante Konzepte hervorgehoben, auf die Attributionsverhalten rekurriert. Vermittels Selbstkonzept des Lerners beeinflusst die Art der Ursachenzuweisung schulische Leistung. Je nach dem, ob sich deren Diagnose eher an statischen oder dynamischen Faktoren orientiert, impliziert sie für Pädagogen unterschiedliche Interventionsmöglichkeiten.

Im darzustellenden Forschungsprojekt werden implizite Theorien angehender Lehrerinnen und Lehrer über individuelle Faktoren schulischer Leistung erhoben. Insbesondere wird überprüft, ob das berufliche Selbstverständnis der Lehrperson ihr Bild vom Schüler nachweisbar beeinflusst.

Eingebunden in das Promotionsprogramm Didaktische Rekonstruktion folgt das Dissertationsvorhaben dem zugrundeliegenden Modell, das empirisch zu erhebende Lernervorstellungen besonders beachtet und diese iterativ mit fachwissenschaftlichen Positionen vergleicht um zu einer didaktischen Strukturierung zu gelangen. Demgemäß zielt die Arbeit auf didaktische Leitlinien für die Lehramtsausbildung als Verhandlungsergebnis zwischen den erhobenen Vorstellungen auf der einen und wissenschaftlichen Befunden zu individuellen Faktoren schulischer Leistung sowie Theorien der Attributionsforschung auf der anderen Seite.

In einer Pilotstudie wurden mit niedersächsischen Referendaren halbstandardisierte Interviews geführt und Repertory-Grids entwickelt. Deren qualitative Inhaltsanalyse ergab elf Oberkategorien, die die Grundlage für einen in der sich anschließenden Hauptuntersuchung per Internet eingesetzten Fragebogen bilden. Über ihre Ausbildungsinstitutionen sind bundesweit Referendare des gymnasialen Lehramts zur Teilnahme der Online-Befragung eingeladen. Anhand der Daten sind vorläufige Befunde aus der qualitativen Studie zu überprüfen, nach denen die Kategorie "Offenheit" besonders dominant erscheint. Entgegen fachwissenschaftlicher Positionen wird selbst die Kategorie "Motiv/Motivation" als kaum intervenierbar gesehen.


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Den Alltag vielleicht ein bisschen besser zu verstehen – Vorstellungen junger Lehrerinnen und Lehrer zum subjektiven Sinn, den Schülerinnen und Schüler ihrem Physik- und Chemieunterricht zuerkennen
Uwe Hericks (Hamburg)


Der Beitrag stellt eine Fallstudie über eine Lehrerin vor, die über klare Vorstellungen vom subjektiven Sinn naturwissenschaftlichen Unterrichts insbesondere für Mädchen verfügt und diese zur Strukturierung sowohl ihres Unterrichts als auch ihrer Beziehung zu den Schülerinnen einsetzt. Im Beitrag werden erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes zur berufsbiographischen Verarbeitung der Berufseingangsphase von Lehrerinnen und Lehrer vorgestellt. Eine zentrale Fragestellung des Projektes bezieht sich auf die subjektiven Idealbilder von der eigenen Tätigkeit und von gutem Unterricht, über die Lehrkräfte in dieser Phase verfügen. Besonders interessiert mich, wie sich solche Idealbilder unter dem Druck der Anforderungen bzw. der subjektiven Deutungen solcher Anforderungen verändern. Die Untersuchung folgt dem Ansatz der Bildungsgangforschung, d.h. der Aufbau beruflicher Kompetenzen sowie die Veränderung und Stabilisierung beruflicher Identität wird als Wahrnehmung, Bearbeitung und Lösung beruflicher Entwicklungsaufgaben zu rekonstruieren versucht. Der Studie liegt ein qualitatives, fallrekonstruktives Untersuchungsdesign zugrunde. Mit allen beteiligten Lehrkräften wurden gegen Ende ihres Referendariats ausführliche berufsbiographische Interview und anschließend über drei oder vier Schulhalbjahre hinweg berufsbegleitende Interviews geführt (episodische Interviews nach Flick). Für die Auswertung wurde eine Methodentriangulation aus Objektiver Hermeneutik (nach Oevermann) und Dokumentarischer Methode (nach Bohnsack) gewählt. Ein erstes wichtiges Ergebnis der Studie betrifft den engen Zusammenhang zwischen der Gestaltung des Unterrichts und der außerunterrichtlichen Tätigkeiten der Lehrkräfte (etwa des Beziehungsaufbaus zu den Schülerinnen und Schülern). Professionalisierung des Lehrerhandelns vollzieht sich demnach vor allem in der und durch die Bearbeitung des eigenen Unterrichtsbildes. Stagnationen im Bereich des Unterrichts können deprofessionalisierende Tendenzen auch in anderen Bereichen der Lehrertätigkeit zur Folge haben.


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