In publica commoda

Ursachen und Wirkungen von heterogenen Einstellungen

Freitag, 13. Juni 2003
Ort: Hörsaal I im Waldweg 26, Göttingen
Zeit: 10.30 bis 12.30 Uhr
Moderation: Vera Husfeldt

Das Geschlecht als Heterogenitätsfaktor in der empirischen Schulforschung am Beispiel der Gewaltsozialisation Jugendlicher
Wassilis Kassis (Basel)


Differenzierung der Einstellungsausprägungen bei Biologielehrern – ein bundesdeutscher Vergleich
Birgit Jana Neuhaus & Helmut Vogt (Kassel)


Einstellungen gegenüber Frauenrechten: Heterogene Einflussfaktoren bei Jugendlichen in sieben europäischen Ländern
Vera Husfeldt (Göttingen)


Migrationshintergrund als Ressource oder Hindernis für schulische Integration
Paul Walter (Berlin)



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Das Geschlecht als Heterogenitätsfaktor in der empirischen Schulforschung am Beispiel der Gewaltsozialisation Jugendlicher
Wassilis Kassis (Basel)


Als einen der zentralen Heterogenitätsfaktoren im Unterrichtsalltag aber auch der empirischen Schulforschung, möchte ich das Geschlecht und die damit einhergehende geschlechtspezifische Sozialisation Jugendlicher aufnehmen und darin die nach Geschlecht zu differenzierende soziale Entwicklung Jugendlicher im Schulkontext untersuchen. Exemplarisch wird hierzu auf die Gewaltentwicklung Jugendlicher eingegangen.

Es ist sinnvoll, so die zu präsentierende These, die Gewaltentwicklung und die Gewaltphänomene differenziert nach Geschlecht zu bewerten, weil nicht nur das Ausmaß (es gilt es sich zu vergegenwärtigen, dass physische Gewalt in der Schule in erster Linie nicht ein Jugend- sondern ein Jungenphänomen ist), sondern auch die Ursachen und der Entwicklungsverlauf von Gewalttätigkeit zwischen den Geschlechtern differieren. Zugleich wachsen männliche und weibliche Jugendliche zu einem beträchtlichen Teil in einem unterschiedlichen sozialen Umfeld auf.

Die Ergebnisse stützen sich auf eine repräsentative Fragebogenstudie von ca. 800 Jugendlichen in Basel/Schweiz (9. Schulstufe), die im Jahre 2002 stattgefunden hat. Mit Hilfe multivariater Verfahren vermögen unsere Auswertungen aufzuzeigen, dass die 'Sozialisationspfade' Jugendlicher geschlechtsspezifische Differenzen aufweisen. Diese Differenzen zeigen sich sowohl in der geschlechtsspezifisch höchst unterschiedlichen Erklärungsstärke einzelner Indikatoren, als auch im Einbezug geschlechtsspezifisch relevanter Prädiktoren zur Erklärung der Gewaltsozialisation (dies trifft z.B. auf die Geschlechterrollenstereotype zu, die eine nachteilige Wirkung auf die Gewaltsozialisation von Jungen entfalten).

Über Strukturgleichungsmodelle werden diese Unterschiede analysiert und deren Relevanz sowohl für die Schulforschung als auch für die LehrerInnenausbildung und die Unterrichtspraxis hervorgehoben. Strukturgleichungsmodelle sollen als ein sinnvoller Weg des Thematisierens von Gewaltentwicklung dargestellt werden, die über den Einbezug eines größeren Teils der Lebenswelt der Jugendlichen, differenziert nach Geschlecht, sowohl die Wissenschaft als auch die Praxis aus der unfruchtbaren Alternative fatalistischer Resignation und moralischer Empörung über einzelne Problemfaktoren herausführen könnten.


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Differenzierung der Einstellungsausprägungen bei Biologielehrern – ein bundesdeutscher Vergleich
Birgit Neuhaus & Helmut Vogt (Kassel)


Die Studie geht der Fragestellung nach, in wie weit sich die Einstellungen von Biologielehrern bezüglich ihres Unterrichtsfaches unterscheiden und inwiefern das gesellschaftliche Umfeld in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist.

Die didaktisch-methodischen Unterrichtsforschung betont, dass Lehr-Lernprozesse erheblich von den Entscheidungen der Lehrer im Unterricht beeinflusst werden. Diese Entscheidungen werden wiederum durch die grundlegende Einstellung des Lehrers zum Einstellungsgegenstand bestimmt. Für den Biologieunterricht postulieren wir daher, dass grundlegende Unterrichtsmuster maßgeblich durch die Grundeinstellung des Biologielehrers zu den Inhalten und Methoden seines Faches bestimmt werden und dass sich die Biologielehrer hinsichtlich dieser Einstellungsdimensionen in homogene Gruppen einteilen lassen.

Nach testtheoretischen Gesichtspunkten wurde von uns ein Fragebogeninventar entworfen, das es erlaubt, verschiedene Einstellungsdimensionen – wie die Einstellung zur Biologie als Wissenschaft, dem Biologieunterricht und der Schule im Allgemeinen – zu erfassen. Der Fragebogen wurde an einer Zufallstichprobe des gesamten Bundesgebietes eingesetzt. Die Daten der ersten 6 Bundesländer (über 230 Lehrer) liegen bereits vor.

Die Biologielehrerschaft der bisherigen 6 Bundesländer lässt sich mit Hilfe von Klassen bildenden Verfahren in verschiedene homogene Gruppen einteilen, die sich in ihrer Einstellung bezüglich der Bedeutung der aktuellen biologischen Wissenschaft für den Biologieunterricht, ihrem Anspruch an den Biologieunterricht und ihrer Einstellung gegenüber dem Methodeneinsatz unterscheiden.

Die Ergebnisse sollen in Zukunft genutzt werden, um in der Lehrerausbildung auf jeden Lehrertypus entsprechend seiner Typenzugehörigkeit eingehen zu können.


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Einstellungen gegenüber Frauenrechten: Heterogene Einflussfaktoren bei Jugendlichen in sieben europäischen Ländern
Vera Husfeldt (Göttingen)


Ein zentrales Anliegen der IEA-Civic-Education-Study – einer internationalen Studie zum politischen Verstehen und Engagement – ist es, Einstellungen von Heranwachsenden zu unterschiedlichen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens zu erfassen. Anhand der Daten aus zwei Stichproben (14-jährige und Schüler der Sekundarstufe II) kann gezeigt werden, dass unterschiedliche Einstellungen gegenüber Frauenrechten außer durch das Geschlecht durch eine Reihe von anderen Einflussfaktoren erklärt werden können.

Daten von jeweils mehr als 20.000 Schülerinnen und Schülern beider Gruppen aus sieben Ländern (Zypern, Norwegen, Polen, Portugal, Slovenien, Schweden und Tschechien) wurden mehrebenenanalytisch untersucht, um den unterschiedlichen Einfluss der einzelnen Prädiktoren auf die Einstellung gegenüber Frauenrechten allgemein und in den einzelnen Ländern herauszustellen.


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Migrationshintergrund als Ressource oder Hindernis für schulische Integration
Paul Walter (Berlin)


SchülerInnen mit familiärem Migrationshintergrund sind in höheren Schulen der Bundesrepublik unterrepräsentiert. Kann die Bildungsbenachteiligung, wie es empfohlen wird, durch verbesserte Kompetenzen dieser SchülerInnen in der deutschen Sprache verringert werden? Oder spielen auch kulturell geprägte bildungsbezogene Einstellungen und Interessen eine Rolle als Hindernisse oder Ressourcen für ihre schulische Integration?

Die Untersuchung bezieht sich auf Theorien und Studien Interkultureller Erziehung, die auf die Bedeutung kulturspezifischer Einstellungen von SchülerInnen hinweisen, auf oft ungünstige Reaktionen auf schulische Leistungs- und Verhaltensanforderungen.

Die Untersuchung beruht einerseits auf einer Grundschulstichprobe (3./4. Jahrgangsstufe; N=80), in der mit einem projektiven Verfahren (PFT) Reaktionen auf alltägliche schulische Frustrationen erhoben wurden. In einer Gymnasialstichprobe (7. Jahrgangsstufe; N=120) wurden andererseits das Sachinteresse und "didaktische" Orientierungen für Deutsch, Mathematik, Biologie mit einem standardisierten Fragebogen erfasst. Die Auswertung erfolgte durch Varianz- und Regressionsanalysen. Es wurde der Einfluss dieser Größen auf die Schulleistung (Lehrerurteil) , andererseits deren Abhängigkeit von der Kulturzugehörigkeit der SchülerInnen erfasst. Um die inhaltliche Bedeutung der Ergebnisse zu präzisieren, wurden ergänzende Inhaltsanalysen durchgeführt. Bei der Untersuchung handelt es sich um Vorstudien für eine geplante Längsschnittuntersuchung.

Es ergeben sich abhängig von bestimmten Kulturzugehörigkeiten der SchülerInnen Unterschiede bei den Reaktionen auf Frustration wie auch bei den fachlichen Interessen. Die Unterschiede lassen sich nicht einfach als "Defizite" von SchülerInnen mit einem bestimmten Migrationshintergrund interpretieren, verweisen aber auf die Bedeutung sprachkompetenzunabhängiger kulturspezifischer Merkmale für schulischen Erfolg und Misserfolg.


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