In publica commoda

Homogenität und Differenziertheit im Schulsystem

Freitag, 13. Juni 2003
Ort: Hörsaal II im Waldweg 26, Göttingen
Zeit: 10.30 bis 12.30 Uhr
Moderation: Doris Lemmermöhle

Das Streben nach Homogenität: Eine schulische Zeitvergeudung?
Gabriele Bellenberg (Essen)


Schulreform und soziale Ungleichheit. Das Beispiel der niedersächsischen Orientierungsstufe
Claudia Schuchart (Erfurt)


Was leisten Versuchsschulen? Das Beispiel der Reformschule Kassel
Charlotte Röhner (Wuppertal)



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Das Streben nach Homogenität: Eine schulische Zeitvergeudung?
Gabriele Bellenberg (Essen)


Der Vortrag verknüpft die Ergebnisse eigener Forschungsprojekte (siehe unten) unter der Verwendung von Erkenntnissen neuerer Schulleistungsuntersuchungen und geht der Fragestellung des Zusammenhangs zwischen schulischem Zeitverbrauch und dem Anspruch nach Homogenität im Schulsystem nach.

Die zu Grunde liegenden Untersuchungen sind folgende:

1. Rekonstruktion individueller Schullaufbahnen (Dissertationsprojekt, Abschluss 1999)
Anhand einer schriftlichen Befragung von ca. 2.500 Schülerinnen und Schülern in nordrhein-westfälischen Abschlussklassen aller Schularten zu ihren Schullaufbahnen habe ich empirische Ergebnisse zu zentralen Schullaufbahnthemen wie Einschulung, Klassenwiederholung und Durchlässigkeit, aber auch zu schulischem Zeitverbrauch gewonnen. Die gewonnen Daten lassen sich zu individuellen Schülerbiographien verknüpfen.

2. Steuerung der Schule durch Zeit. Eine kritische Diskussion (laufendes, sekundäranalytisch angelegtes Habilitationsprojekt, Abschluss voraussichtlich Ende 2003)
Mithilfe der Analyse von zeitbezogenen Befunden aus der empirischen Bildungsforschung, der pädagogischen Psychologie sowie der Bildungsökonomie gehe ich der Frage nach, inwiefern der Faktor Zeit in der Schule als Steuerungsinstrument eingesetzt wird und welche Wirkungen dabei beabsichtigt und erreicht werden.

3. Selektion und Durchlässigkeit (laufendes empirisches Forschungsprojekt; gefördert durch die Max-Träger-Stiftung, Abschluss April 2004).
Ziel des Projektes ist es, die Eingangs- und Übergangsselektivität sowie die interne Selektivität in den einzelnen Schularten/-formen des allgemein bildenden Schulsystems für alle 16 Bundesländer in Deutschland zu beschreiben und hinsichtlich der daraus resultierenden Folgen zu analysieren. Neben der Auswertung rechtlicher Regelungen und der länderspezifischen schulstatistischen Daten werden die jeweils zuständigen Akteure in den Ministerien in Expertengesprächen befragt.


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Schulreform und soziale Ungleichheit. Das Beispiel der niedersächsischen Orientierungsstufe
Claudia Schuchart (Erfurt)


Für die deutschen bildungsreformatorischen Bemühungen um mehr Chancengleichheit im Schulwesens spielte die Einführung der Orientierungsstufe eine wichtige Rolle. Sie sollte als zweijährige eigenständige Schulstufe eine leistungsgerechte Verteilung der Schüler auf die Schulformen der Sekundarstufe bewirken. Bis vor kurzen lagen jedoch kaum Erkenntnisse darüber vor, wie die Wirksamkeit dieser Schulstufe unter den Bedingungen eines obligatorischen Regelangebots einzuschätzen ist. Im vorliegenden Beitrag wird am Beispiel der niedersächsischen Orientierungsstufe überprüft, inwiefern sie die Bedingungen für Chancengleichheit in der Bildungsbeteiligung zu schaffen vermag. Vor dem Hintergrund der Theorie rationalen Handelns werden Bildungsungleichheiten auf sozialisationsbedingte Leistungsunterschiede und das schichtspezifische Wahlverhalten der Eltern zurückgeführt. In Übereinstimmung mit der Zielbestimmung der Orientierungsstufe ist zu erwarten, dass es ihr gelingt, zum einen sozialisationsbedingte Leistungsunterschiede durch eine angemessene Förderung auszugleichen, zum anderen, durch eine entsprechende Beratungstätigkeit den Einfluss schichtspezifischer Bildungsaspirationen auf die Elternentscheidung zu mindern.

Um einen genaueren Einblick in das Ausmaß der sozialen Disparitäten zu gewinnen, werden schichtspezifische Beteiligungschancen miteinander verglichen, die über multinominale logistische Regressionsanalysen geschätzt werden.

Als Datengrundlage werden die Daten einer im Jahr 2001 durchgeführten repräsentativen Studie an niedersächsischen Orientierungsstufen und Schulformen des Sekundarbereichs verwendet. Der Datensatz umfasst 2972 Schüler der 6. und 7. Klasse sowie deren Eltern.

Die empirischen Ergebnisse weisen darauf hin, dass es der Orientierungsstufe einerseits nicht gelingt, ihren Auftrag der individuellen Förderung zu erfüllen. Andererseits schafft sie es nicht, korrigierend auf die schichtbedingten elterlichen Bildungsaspirationen einzuwirken.


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Was leisten Versuchsschulen? Das Beispiel der Reformschule Kassel
Charlotte Röhner (Wuppertal)


Fragestellung der Untersuchung:
Externe Evaluation von Versuchsschulen in den internationalen Schulleistungsuntersuchungen von TIMSS (1999) und PISA (2000) am Beispiel der Reformschule Kassel

Theoretischer Hintergrund:
Schulleistungsforschung, empirische Bildungsforschung, Schulentwicklungsforschung

Methode der Untersuchung:
Externes Erhebungsinstrumentarium TIMSS, PISA

Ergebnisse der Untersuchung:
Die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems steht durch die internationalen Vergleichsuntersuchungen von TIMSS und PISA im Fokus der bildungspolitischen Diskussion. Am Beispiel der Reformschule Kassel, die sowohl an TIMSS 1999 als auch an PISA 2000 teilnahm, kann gezeigt werden, dass Versuchsschulen in diesen entgegen dem allgemeinen Entwicklungstrend ein hohes Leistungsniveau in alternativen Formen des Lernens erreichen.


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