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Differenzielle Perspektiven in der Umweltbildung

Freitag, 13. Juni 2003
Ort: Hörsaal III im Waldweg 26, Göttingen
Zeit: 10.30 bis 12.30 Uhr
Moderation: Susanne Bögeholz

Vorstellungen von Lernenden und Fachwissenschaftlern zu Natur und den menschlichen Umgang mit der Natur – Ein Forschungsprojekt im Rahmen der Didaktischen Rekonstruktion
Elke Sander (Oldenburg)


Kommunikation von Natur in außerschulischen Lernorten und die qualitative Veränderung des Verstehens
Jorge Groß & Harald Gropengießer (Hannover)


Möglichkeiten ökologischer Umweltbildung am Beispiel der Biologischen Station 'Heiliges Meer'. Differenzielle Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zum ökologischen Wissen von Schülern der Sekundarstufe II
Ursula Dieckmann (Hannover)


Differenzierung in der außerschulischen Umweltbildung. Defizitanalyse im Rahmen einer Konzept- und Wirkungsevaluation
Alexander Bittner (Göttingen)



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Vorstellungen von Lernenden und Fachwissenschaftlern zu Natur und den menschlichen Umgang mit der Natur – Ein Forschungsprojekt im Rahmen der Didaktischen Rekonstruktion
Elke Sander (Oldenburg)


Umweltbildung als Leitlinie für den Biologieunterricht beinhaltet die Anforderung, biologisches Fachwissen ebenso zu vermitteln wie ethische Reflexionen einzubeziehen. Dabei stehen beide Aspekte nicht unverbunden nebeneinander, denn jeder ethische Entwurf zum Schutz der Natur nimmt im- oder explizit auf Entwürfe der Ökologie und damit auf Naturvorstellungen Bezug.

In den letzten Jahren haben theoretische und empirische Erkenntnisse dazu geführt, dass zentrale Konzepte der Ökologie, die als Grundlage für Naturschutzmaßnahmen dienten und im Unterricht vermittelt werden, revidiert wurden. So gelten Gleichgewichtszustände von ökologischen Systemen als Ausnahme, betont werden demgegenüber Dynamik und Veränderungen. Nach den Ergebnissen der Vorstellungsforschung setzt eine erfolgreiche Vermittlung fachlicher Konzepte die Berücksichtigung der Schülerperspektive voraus. Vor diesem Hintergrund werden in einem Forschungsvorhaben fachliche Vorstellungen und Schülervorstellungen zu Gleichgewichten und Veränderungen, damit verbundene allgemeine Vorstellungen von Natur inklusive ethischer Implikationen untersucht.

Theoretischer Bezugsrahmen der Untersuchung ist das Modell der Didaktischen Rekonstruktion, in dem empirisch erhobene lebensweltliche Vorstellungen der Lernenden systematisch mit fachlich geklärten wissenschaftlichen Vorstellungen verglichen werden, um auf dieser Grundlage Inhaltsentscheidungen treffen und Lernwege für die Schülerinnen und Schüler planen zu können.

Die Untersuchung ist qualitativ ausgerichtet. Im empirischen Teil werden Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern des 10. und 11. Jahrgangs in Gruppendiskussionen und problemzentrierten Einzelinterviews erhoben. Die gewonnen Daten und die fachlichen Quellen werden inhaltsanalytisch ausgewertet und als verallgemeinerte Kategorien formuliert.

Auf der Grundlage erster Ergebnisse wird eine Differenzierung des bisherigen Unterrichts vorgeschlagen, die sich auf die Hervorhebung räumlicher und zeitlicher Maßstäbe, die Betonung ökologischer Prozesse und die Thematisierung verschiedener Naturschutzkonzepte bezieht.


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Kommunikation von Natur in außerschulischen Lernorten und die qualitative Veränderung des Verstehens
Jorge Groß & Harald Gropengießer (Hannover)


Veränderte Konzepte in der Wissensvermittlung führten in den letzten 15 Jahren zu einer Neuausrichtung außerschulischer Bildungseinrichtungen wie zoologische und botanische Gärten, naturkundliche Museen und Naturschutzgebieten in der Zielsetzung als auch im methodischen Vorgehen (Nahrstedt 2002). Inwiefern diese Institutionen aber tatsächlich einen Beitrag zur Veränderung des Verstehens beisteuern und welchen, ist ungeklärt.

Fragestellung:
Die zentrale Fragestellung lautet: Welche Beziehungen lassen sich zwischen Lernangeboten zur Kommunikation von Natur und der qualitativen Veränderung des Verstehens bei Schülern herstellen? Die Bearbeitung erfolgt unter Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Zusammenarbeit mit einem Expertenkreis deutscher Natur- und Erlebniswelten.

Theoretischer Hintergrund:
Die Naturverständnisse und Exponatnutzungen sollen auf Basis der Landschaftsökologie (Küster 2001), der Naturphilosophie (Seel 1996), des moderaten Konstruktivismus sowie auf Grundlage der Didaktischen Rekonstruktion (Kattmann et al. 1997) exploriert werden. Die Interpretation der Lernerperspektiven erfolgt im Rahmen der erfahrungsbasierten Theorie des Verstehens (Lakoff & Johnson 1989; Gropengießer 2003).

Forschungsdesign:
Die Fragestellung erfordert drei Untersuchungsaufgaben:
Empirische Analyse ausgewählter Exponate in Bezug auf Intention und Vermittlungsmethode (Betreiberinterviews, Dokumenten- und Methodenanalyse).
Erhebung und Strukturierung von Schülerwissen in Bezug auf Nutzung, Verständnis und qualitative Veränderungen im (Natur-)Verständnis (leitfadenstrukturierte Einzelinterviews mit dialogischer Kommunikation sowie qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring 2000).
Kritische Analyse der Beziehungen zwischen Merkmalen von Exponaten und (Natur-)Verständnissen der Lerner.
Die qualitative Veränderung des Verstehens soll mit Hilfe einer retrospektiven Befragung erhoben und bewertet werden.

Ergebnisse:
Mit dem Forschungsvorhaben soll die Wissensbasis zu Lernerperspektiven sowie die Qualität der Vermittlung von biologischen Naturzusammenhängen verbessert werden. Zur Weiterentwicklung von Lernangeboten in Institutionen sollen lernwirksame Konzepte erarbeitet werden.


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Möglichkeiten ökologischer Umweltbildung am Beispiel der Biologischen Station 'Heiliges Meer'. Differenzielle Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zum ökologischen Wissen von Schülern der Sekundarstufe II
Ursula Dieckmann (Hannover)


Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe besitzt als Außenstelle des Westfälischen Museums für Naturkunde in Münster eine Biologische Station im Naturschutzgebiet "Heiliges Meer". Das Naturschutzgebiet mit seiner Vielfalt an unterschiedlich alten Gewässer, die innerhalb eines Naturraumes gelegen sind und alle Stadien einer natürlichen Entwicklung von Stillgewässern demonstrieren, sowie die dazugehörige Biologische Station bieten beste Voraussetzungen hinsichtlich der Gewässerökologie sowie der Auswirkungen menschlicher Einflüsse auf Ökosysteme. Die Außenstelle hat sich in den vergangenen Jahren zu einer wichtigen außerschulischen Weiterbildungseinrichtung zu Themen der Ökologie und des Naturschutzes entwickelt.

Fragestellung:
- Was verbinden Schüler mit den Begriffen Ökologie und Ökosystem?
- Wie groß ist das Interesse der Schüler an praktischer ökologischer Arbeit?
- Wie bewerten die Schüler das Angebot in der Außenstelle Heiliges Meer?
- Inwieweit verfügen Schüler über ökologisches Grundwissen?
- Welche Fachinhalte lernen die Schüler am Heiligen Meer?
- Wie kann die Vermittlung ökologischen Wissens verbessert werden?
- Welche Lernangebote fördern ein fachwissenschaftliches Verständnis eines Ökosystems?

Theoretischer Hintergrund:
- Zusammenhang zwischen Kognition, Interesse und Motivation
- Modell der didaktischen Rekonstruktion
- Entwicklungsorientierte Evaluationsforschung

Forschungsdesign:
- Fragebogen-Untersuchung mit geschlossenen und offenen Fragen
- Vortest-Nachtest Plan
- qualitative Inhaltsanalyse
- quantitative Auswertung

Ergebnisse:
- Das grundsätzliche Interesse der Schüler an ökologischen Fragestellungen ist groß.
- Die Schüler besitzen vielfach nur geringe ökologische Grundkenntnisse.
- Die praktische Erfahrung in den Kursen erweitert das ökologische Basiswissen.
- Teile der praktischen Arbeit werden nicht positiv rezipiert.


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Differenzierung in der außerschulischen Umweltbildung. Defizitanalyse im Rahmen einer Konzept- und Wirkungsevaluation
Alexander Bittner (Göttingen)


Umweltbildung findet ihren Niederschlag verstärkt in den normativen Grundlagen (Verordnungen, Gesetzen) von Großschutzgebieten. Von Seiten der Kultusministerien wird die Bildungsarbeit in Großschutzgebieten als Erweiterung der schulischen Angebote gesehen. Der von enormen Besucherzahlen gekennzeichnete Nationalpark Harz ist eines der bedeutendsten deutschen Großschutzgebiete und bietet Umweltbildung als integralen Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit seit vielen Jahren an. Im Kontext einer Evaluationsstudie wurden die Bildungsaktivitäten in den Jahren 2000 bis 2002 in den Blick genommen und sowohl eine Konzept- als auch eine Wirkungsevaluation auf Basis einer Stichprobe von über 2100 Schüler(inne)n der Sek.I durchgeführt. Der Konzeptevaluation liegt ein Modell der pädagogischen Psychologie zur Genese von kurzfristigen situationalen und längerfristigen (inhalts-)spezifischen Interessen zugrunde. Im Rahmen der Wirkungsevaluation werden kurz- und mittelfristige Wirkungen der Bildungsintervention auf die Interessen der Schüler(innen) gegenüber Umwelt- und Naturschutz in den Blick genommen. Anwendung finden standardisierte Erhebungsinstrumente. Es werden Strukturen eines quasiexperimentellen Versuchsgruppen-Kontrollgruppen-Designs wie auch Strukturen eines Designs mit Vorher-Nachher-Messung bei Versuchs- und Kontrollgruppe realisiert (Follow Up nach vier Wochen bei parallelisierten Interventions- und Kontrollklassen). Die Konzeptevaluation ist als klassisches Querschnittsdesign konzipiert. Die Konzeptevaluation führt zu dem Ergebnis, dass die überwiegend von spielerischen und Sinneserfahrungsaktivitäten, Vortragselementen und weniger von instrumentell-erkundenden Handlungsmöglichkeiten geprägten methodisch-didaktischen Aspekte der Bildungsveranstaltungen von den Teilnehmer(inne)n mit zunehmendem Alter signifikant weniger positiv eingeschätzt werden. Auch das situationale Interesse der Schüler(innen) nimmt mit zunehmendem Alter signifikant ab. Im Rahmen der Wirkungsevaluation führen varianzanalytische Verfahren zu dem globalen Befund, dass Mädchen generell signifikant stärkeres Interesse an Naturschutz zeigen als Jungen, wobei dieses bei beiden Geschlechtern mit zunehmendem Alter signifikant abnimmt.


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