Zwischen Kunst und Akademie – Geschichte der Göttinger Universitätsmusik
Eine historisch-kritische Darstellung von Jannik Meier, u. a.
Johann Friedrich Schweinitz, Director Musices (1735–1767)
Dank der Etablierung der Georg-August-Universität zu Göttingen im Jahre 1734 – inauguriert werden sollte das neue Institut erst 1737 – strömten zahlreiche Neuankömmlinge in die Stadt. Mit ihnen erfüllten die Stadt auch diverse musikalische Praktiken mehr oder weniger anspruchsvollen Musizierens. Das Universitätskuratorium versuchte zunächst, die Freizeit der Studierenden zu regulieren und Geselligkeit einzuschränken. Dennoch sprachen viele Gründe für die Einrichtung einer universitären Musikpflege – die ja immerhin ein erbauliches Freizeitvergnügen darstellte. Nicht zuletzt war von Bedeutung, dass man sich durch maßvolle Vergnügungsangebote eine größere Attraktivität der neuen Universität bei vermögenden Studierenden erhoffte.
Eine wichtige Rolle bei der Einrichtung der Universitätsmusik spielte der Student, Organist und Geiger Johann Friedrich Schweinitz (1708–1780). Schweinitz war nach seiner Immatrikulation an der Universität Leipzig 1732 mit den musikalischen Institutionen der Stadt in Berührung gekommen. In Leipzig bestand seinerzeit das 1702 von Georg Philipp Telemann (1681–1767) ins Leben gerufene und 1729 von Johann Sebastian Bach (1685–1750) übernommene Collegium musicum. In dieser Zeit genoss Schweinitz Bachs Unterricht und nahm vermutlich auch an den Konzerten des Bach’schen Collegium musicum teil.
Im Jahre 1735 wechselte Schweinitz an die neugegründete Universität Göttingen, um dort Jura zu studieren. Bereits kurz nach seiner Immatrikulation regte er die Gründung eines Göttinger Collegium musicum an. In anderen Städten sollten die Bach-Schüler Christoph Gottlieb Fröber (1704–1759) und Johann Gottfried Donati (1706–1782) Collegia musica auf ähnliche Weise gründen.
In das neue Ensemble wurden rasch umfangreiche Hoffnungen gesetzt. Einerseits sollte der Güte des musikalischen Unterrichts ausgeholfen werden. Andererseits war das Collegium musicum schon von Beginn an als Repräsentationsorgan der Universität erdacht. Der erste Auftritt des Ensembles im Saal des Göttinger Kaufhauses hatte sinnstiftenden Charakter: Die Musiker präsentierten dort die Kantate Auf Schwestern! auf! hier laßt uns singen – ein bemerkenswertes Werk, in dem griechische Musen und Goten – ideelle Vorfahren der Göttinger – die junge Universitätsstadt als neue apollinische Stätte priesen. Den versammelten Bürgern sollten durch das durchaus sprechende Libretto (»Nach der Arbeit kommt der Lohn. / Viele Groschen geben Thaler«) die Sorgen vor einer allzu negativen Veränderung des Stadtgefüges genommen werden.[1]
Repräsentationsaufgaben für die junge Akademie übernahm das Collegium musicum auch im Rahmen der Inaugurationsfeier 1737. Bemerkenswert ist, dass Schweinitz sich bei der Planung der Festmusiken gegen die Beauftragung von Telemann durchsetzen konnte.[2]
Schweinitz machte sich in den Folgejahren als prägende Figur der Göttinger Stadtmusik unabdingbar, indem er mehrere Ämter unter seinem Namen vereinte. So übernahm er ab 1738 das Orgelspiel an St. Johannis und der Universitätskirche – welche damals noch die Paulinerkirche war.[3] Im Jahre 1743 wurde er zum Cantor figuralis der Stadtschule berufen und erhielt schließlich im Jahre 1750 die offizielle Genehmigung, den Titel Director musices zu führen. Dieses Privileg sollte nachfolgenden Stadtkantoren versagt bleiben.[4]
Mit dem Collegium musicum führte Schweinitz zwischen dem Michaelis- und dem Osterfest regelmäßig sonnabends – an wechselnden Orten – Konzerte auf. Als Schweinitz erkrankte, überließ er die Leitung des Collegium musicum Georg Philipp Kress, welcher als akademischer Konzertmeister nach Göttingen berufen wurde – die unterschiedliche Betitelung sollte Streitigkeiten vorbeugen.[5]
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Georg Philipp Kress, Akademischer Konzertmeister (1767–1779)
Georg Philipp Kress (1719–1779) war Sohn des Darmstädter Konzertmeisters Johann Jakob Kress (um 1685–1728) und Patenkind Georg Philipp Telemanns. Durch ihn wurde er nach dem frühen Tod seines Vaters vermutlich erzogen und ausgebildet. Ab 1744 ist er als Mitglied der Hochfürstlichen Mecklenburgischen Hofkapelle in Schwerin nachzuweisen. Zu diesem Zeitpunkt kam er erstmals nach Göttingen, wo er unter Schweinitz im Collegium musicum der Universität spielte.
1748 trat Kress eine Stellung als Konzertmeister bei Herzog Friedrich Carl von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön an, die er Mitte 1751 wieder verließ – ein hochgelobtes Abschiedskonzert absolvierte er in Lübeck 1752. 1755 trat Kress wiederum eine Stelle in Schwerin als Konzertmeister an. Von dieser Position ließ er sich 1766 beurlauben, um in Göttingen Konzerte zu spielen und den Mitgliedern des Collegium musicum Unterricht im Violinspiel zu geben. Er wurde, vermutlich auf Fürsprache des Staatsrechtlers Johann Stephan Pütter, am 23. November 1766 als Akademischer Konzertmeister bestallt. Kress hatte dieses Amt bis zu seinem Tod 1779 inne.[6]
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Johann Nikolaus Forkel, Akademischer Musikdirektor (1779–1818)
Johann Nikolaus Forkel (1749–1818) kam 1769 als 20-jähriger Student der Rechte an die Universität Göttingen und wurde als befähigter Tastenspieler 1770 zum Universitätsorganisten ernannt. 1772 bot Forkel erstmals Privatvorlesungen über Musik an, die er ab 1777 verstetigte.
1779 wurde Forkel zunächst ebenfalls Akademischer Konzertmeister, nur einen Monat später aber mit dem Titel Musik-Direktor bey der hiesigen Academie bedacht. Dieses Amt war keineswegs eine bloße Ehrenstellung. Es bedeutete die Verantwortung für die musikalische Gestaltung akademischer Feiern, für die Organisation öffentlicher Konzerte, für die Repräsentation der Universität im kulturellen Leben der Stadt.[7]
Andere Universitäten folgten kurz darauf, da man in der Berufung eines akademischen Musikdirektors eine Prestigequelle sah und den anderen Universitäten im alten Reich um nichts nachstehen wollte. Von Halle an der Saale, 1779, bis Königsberg, 1823, folgte eine Welle von Erstbesetzungen akademischer Musikdirektoren.
Forkel selbst wurde immer mehr durch seine privaten Studien zur Musik und Musikgeschichte eingenommen, folgte seiner Neigung für das Wissenschaftliche der Kunst, die mich nun einmal hier festgehalten hat, obgleich ich immer gewußt und gefühlt, daß ich nicht erkannt war. Für sein wissenschaftliches Hauptwerk Allgemeine Geschichte der Musik erhielt Forkel 1787 überdies eine Ehrendoktorwürde.
Forkel rief in Anlehnung an die umfangreiche Konzerttätigkeit seiner Vorgänger die Academischen Winter-Concerte ins Leben, machte diese jedoch – den Vorlesungsreihen der Professoren ähnlich – mittels umfangreicher Ankündigungsschriften bekannt, und bot seinem Publikum einige Tage vor den Aufführungen Einführungsveranstaltungen.[8]
Etwa alle vierzehn Tage waren oratorische Aufführungen, allen voran der Werke von Georg Friedrich Händel, dahinter aber auch derjenigen von Carl Heinrich Graun, Carl Philipp Emanuel Bach, Georg Anton Benda, Johann Adolf Hasse, u. a. zu erwarten. Dazwischen erklangen gemischte Konzerte im Kammermusikformat.
Johann August Günther Heinroth, Akademischer Musikdirektor (1818–1846)
Wie sehr Forkel das akademische Verständnis im Amt des universitären Musikdirektors geprägt hatte und wie sehr seinen Nachfolgern der Konnex von Theorie und Praxis auferlegt war, offenbarte sich in der Berufung von Johann August Günther Heinroth (1780–1846). In seinem Dankesschreiben versprach Heinroth, durch strenge Erfüllung meiner mir übertragenen Pflichten und durch unermüdetes Studieren in der Tonkunst seinem würdigen und verdienstvollen Vorgänger immer ähnlicher zu werden.[9]
Heinroth sollte in diesem Sinne weiterhin die Theorie der Musik lehren, übernahm ab 1820 auf Bitten der theologischen Fakultät einen Lehrauftrag für Gesangslehre und erweiterte seinen Vorlesungskanon im Sommersemester 1825 um eine Einleitung in die Ästhetik der Tonkunst. Mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde und dem Titel des Magisters, was ihn zu einem Göttinger Privatdozenten machte, wurde Heinroth die Qualifikation eines Professors zuerkannt – auch wenn er einem solchen in Rang und Ehre nicht gleichgestellt war.
Anders als auf dem wissenschaftlichen Feld fand Heinroth im Konzertwesen der Stadt eine zweifelhafte Situation vor. Forkel hatte in den drei Jahren vor seinem Tod sowohl die wichtigen Akademischen Winter-Concerte sowie den einzigen Gesangkreis aufgegeben. Der Musikunterricht wurde vereinzelt und in mäßiger Qualität erteilt. Der Stadtmusiker Michael Jäger wurde von seinem Schwiegersohn vertreten, der dafür nicht die Qualifikation besaß.[10]
Heinroth engagierte sich stark für die praktische Musik: Er kündigte für das Wintersemester 1818/19 eine Wiederbelebung der Konzerte an und gründete eine Sing-Akademie – zunächst als ausschließlicher Männerchor. Nach einigen Jahren stellten sich Erfolge ein. Göttingen verfügte wieder über ein leistungsfähiges Orchester, in dem Berufsmusiker (Vertreter der Stadt- und Militärmusik) und Dilettanten zusammenwirkten. Große Oratorien standen neben dem üblichen Sinfonie- und Konzertrepertoire. In der Konsequenz gastierten bekannte Künstler:innen in Göttingen, darunter Louis Spohr, Carl Maria von Weber, Henriette Sontag, Niccolò Paganini, später auch Franz Liszt.
Dank Heinroths Einsatz gewann Göttingen mit Heinrich Wilhelm Jacobi einen kompetenten neuen Stadtmusikus und auch der private Musikunterricht konnte neu organisiert werden. Die Kirchenmusik erwachte schließlich zu neuem Leben, weil entweder Heinroth selbst oder einer seiner Studierenden dort die Tätigkeiten des Organisten und die des Vorsängers übernahmen.
Die Göttinger Revolution im Januar 1831 – eine deutsche Reaktion auf die französische Julirevolution von 1830, die von Liberalisierungsbestrebungen geprägt war – führte zu einer Störung des Konzertzyklus und einer spürbaren Schwächung des Interesses an Musik.
Heinroth war überdies von einer spätaufklärerisch-rationalistisch Haltung geprägt und nicht gewillt, den neuen romantischen Strömungen in der Kunst zu folgen. Der Kanon der aufgeführten Werke brach 1825 ab, vornehmlich musizierte Heinroth Grauns Der Tod Jesu, das Mozart-Requiem, die Haydnschen Jahreszeiten, Beethovens Christus am Ölberge oder Spohrs Die letzten Dinge. Kritik an dieser Position wurde in dem Vorwurf laut, die Stadtmusik sei zu einem Fossil geworden. In der Konsequenz war eine immer offener bezeigte Opposition gegen Heinroth zu spüren. Hinzu kam, dass Heinroth öffentlich für die Privilegien der Stadtmusik gegenüber der Militärmusik eingetreten war. Dies stellte eine sehr delikate Angelegenheit dar, weil die Frage einen Konflikt zwischen Landesherrschaft und Bürgertum berührte.[11]
Zunächst wurde die Wiederherstellung der Privilegien der Stadtmusik erreicht. Infolgedessen erschienen publizistische Gegenschriften, die für die Militärmusik eintraten und die Stadtmusik und akademische Musik scharf kritisierten. Heinroth wurde daraufhin ebenfalls publizistisch tätig und veröffentlichte eine heftige Gegendarstellung. Das Göttinger Stadtgespräch kannte zu dieser Zeit nur dieses Thema. Militärs und ihre Angehörigen – vor allem das vom Adel beherrschte Offizierskorps – standen unversöhnlich gegen das Bürgertum. Inmitten dessen kam es zum Eklat, als Heinroth in seiner Wohnung durch den Lieutenant Starkemann zum Duell mit Pistolen herausgefordert wurde. In Hannover wurde die Situation als sehr heikel eingeschätzt, in der Folge wurde Heinroth zum Rücktritt gedrängt.[12]
Der Musikwissenschaftler Ulrich Konrad gelangte in der Bewertung des Vermächtnisses Heinroths zur Einschätzung, man dürfe ohne Überbewertung festhalten, daß Heinroths Einsatz für die musikalische Allgemeinbildung der Studenten, Lehrer, Theologen und damit letztlich der Bevölkerung, seine Bemühungen um den Aufbau eines funktionstüchtigen Konzertwesens und die Forderung, der Musik an den Universitäten einen akademischen Sitz einzuräumen, in mancher Hinsicht mitbewegend gewesen sind bei der Entwicklung hin zu modernen Musikschulen, Musikorganisationen und musikwissenschaftlichen Einrichtungen.[13]
Arnold Wehner, Akademischer Musikdirektor (1846–1855)
Arnold Wehner (1820–1880) war zunächst in Kassel, später in Leipzig Schüler des dortigen Thomaskantors Moritz Hauptmann (1792–1868) gewesen und hatte zudem Lehrstunden bei Mendelssohn und Spohr genossen. Alle drei Lehrer bescheinigten Wehner für den Göttinger Bewerbungsprozess beste Fähigkeiten.[14]
Als Universitätsdozent hielt Wehner Vorlesungen über die Harmonie, Theorie der Musik und Ästhetik oder unterrichtete am Pianoforte und Orgel. Die von Heinroth eingeführten Übungen in den Gesängen des Predigers am Altare führte Wehner jedoch nicht weiter. Sie wurden erst durch seinen Nachfolger Eduard Hille wiederaufgenommen. Als Organist und Leiter des Kirchengesangs wurde Wehner geschätzt, wiewohl er eher die Konzerte als seine liebste und gewichtigste Thätigkeit sah.[15]
In seiner Göttinger Zeit führte Wehner etliche Kontakte mit illustren Persönlichkeiten wie Johannes Brahms und Joseph Joachim. Joachim schrieb, dass die Abende bei Wehner dem jungen Johannes Brahms sehr wohltäten wo er gewiß ist, in Musikdirector Wehner und meiner Wenigkeit Leute zu haben, die seinen Eigentümlichkeiten in Leben und Kunst gerne folgen.
Der Zustand der Göttinger Musik zu Wehners Zeit darf hingegen als herausfordernd beschrieben werden. In einem Bericht an das Kuratorium der Universität klagte Wehner, er habe zwar Konzerte veranstaltet, die es seit Jahren in der Stadt in dieser Qualität nicht mehr gegeben habe. Doch insbesondere der private Instrumental- und Gesangsunterricht – und damit auch die Hoffnung auf geeigneten Spieler- und Sängernachwuchs – hätte sich um nichts gebessert.[16]
1848 verlor Göttingen die Garnison, was den Verlust des Militärmusikcorps mit sich führte. Die Stadtmusikkapelle unter dem alten Stadtmusikus Jacobi war zu jener Zeit allerdings kaum mehr zu solidem Spiel in der Lage. In der Konsequenz musste Wehner 1849/50 die Konzerttätigkeit einstellen.
Ein erneuter Versuch, regelmäßige Konzerte zu installieren, konnte nur durch Unterstützung von Musikern aus Northeim, Kassel und Goslar erfolgen. Deren Kost- und Logiskosten waren allerdings hoch. Den Fehlbetrag musste Wehner aus eigener Tasche bezahlen. Das Kuratorium bot dem Akademischen Musikdirektor trotz mehrfacher Eingaben außer dürftigen Zuschüssen keine Hilfestellung.
Umso dringlicher artikulierte Wehner seine Situation, als er Gelegenheit bekam, vor König Georg V. zu spielen. Da auch dies an seiner Situation in Göttingen aber nicht veränderte, nahm er im Jahr darauf das lukrative Angebot an, Director der Königlichen Gesangskapelle für die Schloßkirche unter Beilegung des Titels Capellmeister und eines Gehalts von 1000 Talern jährlich zu werden.[17]
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Eduard Hille, Akademischer Musikdirektor (1855–1891)
Eduard Hille (1822–1891) war Schüler Johann August Günther Heinroths und hatte sich in Hannover als Begründer und Leiter der Neuen Singakademie sowie als Komponist einen Namen gemacht.
Zu Beginn seiner Tätigkeit in Göttingen gründete Hille eine gemischte Singakademie, mit welcher er zunächst Mendelssohns Elias und das Cherubini-Requiem aufführte. Der gleichzeitig ins Leben gerufene Academische Orchesterverein bestand allerdings lediglich aus 22 Streichern, einem Flötisten und einem Paukisten. Hille beklagte einen Musikermangel, der aus vielerlei Gründen zustande kam. Zum einen kam es durch das Ausscheiden von verschiedenen Musikern aus dem Orchester zu einer erheblichen Beeinträchtigung von dessen Spielfähigkeit. Überdies kam es durch den Abzug der Garnison aus Göttingen zu einem plötzlichen Wegfall der Militärmusik. Kurzfristig konnte durch Hinzuziehung von Instrumentalisten aus Hannover und Kassel Abhilfe geschaffen werden.
Damit waren jedoch die Herausforderungen noch nicht vollends umschrieben. Den gleichen materiellen Unwägbarkeiten wie Wehner unterworfen, musste Hille zusätzlich um den Probenort in der Vorhalle der Aula am Wilhelmsplatz feilschen. Als das Unterfangen endlich genehmigt wurde kommentierte die Leipziger Neue Zeitschrift für Musik spöttisch: In Göttingen habe denn doch die Meinung den Sieg davon getragen, daß es nicht außer aller Ordnung ist, wenn auch von Seiten der Universität einmal etwas für Musikzwecke geschähe.[18]
Hilles Pläne für die universitäre Kirchenmusik und die musiktheoretischen Vorlesungen – darunter seine Auffassung, das gleiche Recht auf Förderung der Kunst in Anspruch zu nehmen, das die Wissenschaft für ihre Zwecke sich vindiciert – stießen auf Anklang. Hille erreichte nach mehreren Eingaben eine merkliche Erhöhung seiner Besoldung und Mittel für die Etablierung eines festen Kirchensingchors. Mit der Wiedereinrichtung einer Garnison in Göttingen 1858 bahnte sich auch eine Verbesserung der Orchestersituation an. Trotz dieser starken Fortschritte sollten materielle Beengung und persönliche Opfer des Akademischen Musikdirektors auch unter der neuen preußischen Regierung nach 1866 nicht enden.
Hille leistete mit seinen 160 akademischen Konzerten eine langjährige Fortführung der musikalischen Tradition von Forkel und Heinroth.[19] Unter seiner Leitung oder Vermittlung gastierten namhafte Virtuosen in Göttingen, so Anton Rubinstein, Joseph Joachim oder Hans von Bülow.[20] Gegen Ende seines Lebens wurden krankheitliche Einschränkungen in der Dienstausübung offensichtlich. Nach dem Tod Hilles am 17. Dezember 1891 übernahm der Marburger Universitätsmusikdirektor Otto Freiberg das Amt.
Otto Freiberg, Akademischer Musikdirektor (1891–1915)
Otto Freiberg (1846–1926) wechselte 1885 nach Göttingen und bekleidete dort zunächst eine außerordentliche Professur der Musikwissenschaft an der Philosophischen Fakultät. Diese Position war wohl auf Fürsprache aus der theologischen Fakultät eingerichtet und seit 1862 vom Musikhistoriker Eduard Krüger (1807–1885) versehen worden. Mit der Übernahme durch Freiberg bestand in Göttingen das erste und einzige Mal eine Personalunion aus Akademischem Musikdirektorat und einer Professur für Musikwissenschaft.
Der von Otto Freiberg 1887 gegründete Freibergsche Gesangsverein wirkte weit bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein. Zu diesem Ensemble und zur Arbeit von Otto Freiberg ist bis heute keine Quellenforschung betrieben worden.
Otto Freiberg bat in einem Schreiben vom 29. Mai 1915 den Minister erfolgreich, zum Oktober desselben Jahres freigestellt zu werden. Freiberg hatte das Amt also nicht, wie in der Literatur dargestellt bis zum Jahr 1917, sondern lediglich bis 1915 inne.[21] Der Minister entband Freiberg von seinem Dienst und bescheinigte ihm den Erhalt des kaiserlichen Verdienstordens Roter Adler. Die Ausschreibung der AMD-Stelle erfolgte erst wieder im Frühjahr 1920 und wurde 1921 mit Karl Hogrebe besetzt.
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Karl Hogrebe, Akademischer Musikdirektor (1921–1945)
Karl Hogrebe (1877–1953) führte in vielerlei Hinsicht die Traditionen seiner Vorgänger weiter. So war auch er von materiellen Zwängen betroffen und ersuchte mehrfach beim preußischen Kultusministerium um finanzielle Unterstützung. Die Untersuchung seiner Aktivitäten während des Nationalsozialismus bedürfen einer eingehenden Untersuchung.
Nachfolger für den in Ruhestand getretenen Karl Hogrebe sollte eigentlich der Dirigent Georg Brandt werden. Dieser kehrte aus dem Zweiten Weltkrieg allerdings nicht zurück. Der Kirchenmusiker Ludwig Doormann wurde deshalb als Interim eingesetzt.
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Ludwig Doormann, komm. Akademischer Musikdirektor (1946–1948)
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und unter der Besatzung der britischen Besatzungsmächte war das Musizieren mit Orchestern auf 20, später 40 Mitwirkende, begrenzt. Durch die Wiederaufnahme des universitären Betriebs im Wintersemester 1945/46 und die daraus resultierenden Neueinschreibungen sowie Kriegsrückkehrer wuchs der Bedarf an organisierter musikalischer Tätigkeit. In dieser Zeit übernahm der Kirchenmusiker und Stadtkantor Ludwig Doormann (1901–1992) die Leitung der akademischen Orchestervereinigung sowie kommissarisch das Amt des Akademischen Musikdirektors.[22]
Doormann, Schüler des Thomaskantors Karl Straube (1873–1950), war als relativ junger Musiker während der Zeit des Nationalsozialismus als Kantor der Gemeinde St. Johannis angestellt worden. Seine Frau berichtete später, dass der eigentliche Betrieb der Kirchenmusik nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zunächst ein Freiraum blieb. Diese Aussage scheint mit nationalsozialistischer Musikpolitik vereinbar, weil diese ihr Augenmerk vordergründig auf wirkmächtigere Kunsteinrichtungen und insbesondere auf den Rundfunk richtete. Darüber hinaus ging es in der Politik auch um den systematischen Ausschluss jüdischer Werke und Künstler:innen – welche innerhalb einer evangelischen Kirchengemeinde naturgemäß weniger vertreten waren. Die Bachsche Kirchenmusik sowie die Motetten von Heinrich Schütz, hauptsächliches Betätigungsfeld der Kirchenmusik an St. Johannis, fielen dabei eher in das für die Nationalsozialisten ideologisch unbedenkliche Genre des traditionellen Liedgutes.[23]
Ludwig Doormann, der als Stadtkantor noch bis 1972 in Göttingen wirkte, legte bereits 1948 die Leitung der AOV und der Universitätsmusik wieder nieder, weil er sich mit der Kumulation der drei Arbeitsfelder überfordert sah.[24]
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Hermann Fuchs, Akademischer Musikdirektor (1950–1987)
Mit der Berufung von Hermann Fuchs (1924–1999) auf die Stelle des Akademischen Musikdirektors im Jahr 1950 trat die universitäre Musikpflege in eine Phase der Stabilität ein. Während der fast vierzigjährigen Ägide erhielten umfangreich besetzte Orchesterwerke und komplexe Oratorien Einzug in die heute selbstverständliche Aufführungspraxis an der Georgia Augusta. Zudem legte der AMD einen Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst. Unter den aufgeführten Werken finden sich u. a. Arthur Honegger Le Roi David, Kurt Weill Berliner Requiem, Hindemith Mathis der Maler, Tippet A Child of our Time, Strawinsky Messe für Bläser und Chor.[25]
Der Dirigent Fuchs galt früh als brillanter Musiker und gleichzeitig nahbarer Mensch. Bereits im Alter von 15 Jahren war er in der Komposition ausgebildet worden. Ein Jahr später erschienen erste Kompositionen im Bärenreiter-Verlag. Seine Kompositionen erregten früh überregionale Aufmerksamkeit – in den 1960er Jahren lehnte er ein berufliches Angebot zum Wechsel in die Münchner Filmbranche ab.
Neben der Leitung der Akademischen Orchestervereinigung – deren Streicherkorpus er durch Bläser ergänzte – und des Universitätschores übernahm Fuchs auch Verpflichtungen als Organist der Universitätskirche und als Dozent am Musikwissenschaftlichen Seminar sowie an der Theologischen Fakultät. Zwischen 1963 und 1979 oblag Fuchs dazu noch die Ausübung der Musik am Deutschen Theater.
1987 wurde Fuchs – hochgeschätzt – pensioniert. Der Musikwissenschaftler Martin Staehelin würdigte den Musiker in seiner Gedenkrede von 1999. Fuchs hätte seine Aufgaben nicht nur in selbstverständlichem Pflichtbewußtsein und höchstqualifiziert geleistet, sondern er hat sie auch weitgehend aus ihrer Vereinzelung gelöst und kraft seiner Persönlichkeit zu einer Art größerer Einheit zusammenzuschließen verstanden.[26]
Ingolf Helm, Akademischer Musikdirektor (1987–2021)
Der Kirchenmusiker Ingolf Helm (*1954) prägte die Göttinger Universitätsmusik in einer mit ähnlichen langen Amtszeit wie sein Vorgänger Fuchs. Zwei Jahre nach seiner Berufung zum Akademischem Musikdirektor kam es zum Bruch mit der Akademischen Orchestervereinigung. Helm gründete nach der Trennung ein weiteres akademisches Sinfonieorchester – das heutige Universitätsorchester. Die Lehraufträge an den Fakultäten führte Helm fort.
Programmatisch hielt Helm an der Linie seines Vorgängers fest, das chorsinfonische Repertoire durch regelmäßige Aufführungen zeitgenössischer Musik zu erweitern. Hier sind unter anderem Gomorrha (Dieter Einfeldt, 1993) sowie Helms eigene Komposition Verheißungen (2009) zu nennen.
Mit der Corona-Pandemie und dem gleichzeitigen Eintritt von AMD Helm in den Ruhestand drohte die Einrichtung Universitätsmusik vollends geschlossen zu werden. Dank zahlreicher Bemühungen wurde dem bisherigen Assistenten Ingolf Helms, Jens Wortmann, die formale Leitung der Universitätsmusik übertragen und er damit beauftragt, eine künstlerische Leitung zu wählen. Als Vakanzvertretung wurde der Dirigent Andreas Jedamzik im Sommersemester 2021 eingesetzt.
Andreas Jedamzik, künstlerischer Leiter (2021–2023)
Andreas Jedamzik (*1984) vertrat die künstlerische Leitung in herausfordernden Zeiten. Durch die Pandemie mussten Proben mit großen Abständen oder im Freien stattfinden. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit trafen Vokalensembles besonders stark und machten im gesamten Bundesgebiet improvisierte Lösungen notwendig. Auch Konzerte konnten unter diesen widrigen Umständen nur mit begrenzter Besucher:innenzahl stattfinden.
Trotz aller Widrigkeiten konnte Jedamzik mit dem Universitätschor einen zweiten Platz im Niedersächsischen Chorwettbewerb erringen.
Jedamzik ist inzwischen wieder freischaffend tätig – als Dirigent, Sänger und Gesangspädagoge sowie als Lehrbeauftragter für Gehörbildung am Musikwissenschaftlichen Institut. Für die Universitätsmusik bringt sich Jedamzik heute als Stimmbildner ein.
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Antonius Adamske, künstlerischer Leiter (seit 2023)
Antonius Adamske (*1992) wurde im Sommersemester 2023 zum Künstlerischen Leiter gewählt. Adamske sieht Wissenschaft und Kunst als die Eckpfeiler seiner Tätigkeit und verwirklicht diese Zweiheit in Proben und Programmatik der Universitätsmusik Göttingen. Einerseits bedeutet das die Berücksichtigung von Interpretations- und Aufführungspraxis historischer Musik, andererseits die Verflechtung von akademischer Lehre mit ästhetischer Bildung. Die Ensembles beteiligten sich in diesem Sinne mehrfach in der renommierten Ringvorlesung der Universität und begleiteten diskursive Podien. In der Konsequenz ging eine regelmäßige Kooperation mit dem Forum Wissen hervor.
Unter Adamske erklangen sinfonische Werke gleichberechtigt neben Oratorien und Bühnenwerken. In der Traditionslinie seiner frühesten Vorgänger gründete Adamske nicht nur einen leistungsfähigen Kammerchor, sondern auch ein Collegium musicum auf historischen Instrumenten. Der Kammerchor der Universität ist seit 2024 regelmäßiger Bestandteil der Opernproduktionen der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen.
Adamske wurde 2023 im Fach der Historischen Musikwissenschaft mit einer Arbeit über die Musikpflege in Göttingen vor 1800 promoviert und setzte sich mehrfach für das Gedenken seiner Amtsvorgänger ein. Mit dem Göttinger Barockorchester nahm er sämtliche Kantaten Johann Friedrich Schweinitz auf (Coviello Classics) und führte Forkels oratorische Werke Die Hirten an der Krippe sowie Hiskias erstmals wieder auf. 2026 erwirkte er eine Göttinger Gedenktafel für Forkel. Diese wurde im Rahmen der Jahrestagung des Netzwerk Universitätsmusik in Deutschland am 3. März des Jahres enthüllt. Im selben Jahr erschien eine Würdigung über Hermann Fuchs im Göttinger Jahrbuch.
Als mittelbarer Nachfolger von Prof. Jürgen Jürgens als künstlerischer Leiter des Monteverdi-Chor Hamburg ist Adamske auch der Hamburger Universitätsmusik eng verbunden. Während seiner Amtsführung nahmen Ensembles der Göttinger Universitätsmusik regelmäßig an Konzerten in der Laeiszhalle wie in der Elbphilharmonie Hamburg teil.
Fortsetzung folgt...
[1] Adamske 2023, S. 257.
[2] Adamske 2023, S. 260.
[3] Adamske 2023. 294.
[4] Fischer 2015, S. 65.
[5] Adamske 2023, S. 291 ff.
[6] Fischer 2015, S. 67f.
[7] Fischer 2015, S. 169ff.
[8] Fischer 2015, S. 179f.
[9] Konrad in Staehelin 1978, S. 49.
[10] Konrad in Staehelin 1978, S. 50f.
[11] Konrad in Staehlin 1978, S. 56f.
[12] Konrad in Staehelin 1978, S. 61.
[13] Konrad in Staehelin 1978, S. 71.
[14] Fuchs 1978, S. 91.
[15] Fuchs 1978, S. 94.
[16] Fuchs 1978, S. 94.
[25] Adamske 2006, S. 281.
[26] Adamske 2026, S. 280.
Literaturverzeichnis
A. Adamske, Im Zirkus der gräßlichsten Langeweile. Einige Nachrichten über die Tanzmeister der Universität Göttingen im 18. Jahrhundert, in: Göttinger Jahrbuch 72 (2024), S. 81–94.
A. Adamske, Krise der Ämter – Konnex der Akteure. Studien zur Göttinger Musikgeschichte vor 1800, Göttingen 2023.
A. Adamske, J. Wacker und J. Meier, Warum denn immer Distler, Reda? Zur Programmatik des Akademischen Musikdirektors Hermann Fuchs (1924–1999), in: Göttinger Jahrbuch 74 (2025), S. 279–289.
C. Engmann und B. Wiechert, »Tag voller Anmuth, voller Pracht«. Zur musikalischen Gestaltung der Universitätsjubiläen im 18. und 19. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Göttinger Musikgeschichte, in: Göttinger Jahrbuch 39 (1991), S. 61-96.
A. Fischer, Das Wissenschaftliche der Kunst. Johann Nikolaus Forkel als Akademischer Musikdirektor in Göttingen, Göttingen 2015.
A. Fischer, Johann Nikolaus Forkels »Akademische Winter-Concerte« und das Göttinger Musikleben um 1800, in: Arnfried Edler und Joachim Kremer (Hg.): Niedersachsen in der Musikgeschichte: Zur Methodologie und Organisation musikalischer Regionalgeschichtsforschung. Internationales Symposium Wolfenbüttel 1997(Publikationen der Hochschule für Musik und Theater Hannover, Bd. 9), Augsburg 2000, S. 197-209
H. Fuchs, Die Akademischen Musikdirektoren Arnold Wehner (1846–1855) und Eduard Hille (1855–1891), in Staehelin, Martin (Hrsg.): Musikwissenschaft und Musikpflege an der Georg-August-Universität Göttingen. Beiträge zu ihrer Geschichte, Göttingen 1987, S. 90–107.
D. Garbe und B. Wiechert, Der Director musices, Organist und Kantor Johann
Friedrich Schweinitz. Ein Beitrag zur Musikgeschichte Göttingens im 18. Jahrhundert, in: Göttinger Jahrbuch (Bd. 37), Göttingen 1989, S. 71-90.
B. Harder (Hg.), 100 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen 1906–2006. Göttingen 2006.
U. Konrad, Johann August Günther Heinroth. Ein Beitrag zur Göttinger Musikpflege und Musikwissenschaft im 19. Jahrhundert, in: Staehelin, Martin (Hrsg.): Musikwissenschaft und Musikpflege an der Georg-August-Universität Göttingen. Beiträge zu ihrer Geschichte, Göttingen 1987, S. 43–77.
U. Konrad, Verzeichnis der Akademischen Musikdirektoren und der hauptamtlichen Lehrkräfte im Fach Musikwissenschaft an der Universität Göttingen 1779–1987, in: Staehelin, Martin (Hrsg.): Musikwissenschaft und Musikpflege an der Georg-August-Universität Göttingen. Beiträge zu ihrer Geschichte, Göttingen 1987, S. 193–195.
R. Schmidt (Hg.), Ludwig Doormann. Ein Leben für die Kirchenmusik, Göttingen 1988.
R. Schmidt, Johann Friedrich Schweinitz. Neun Kirchenkantaten in Brüssel nachgewiesen, in:
Göttinger Jahrbuch 59 (2011), S. 83-86.
M. Staehelin, Musikalische Wissenschaft und musikalische Praxis bei Johann Nikolaus Forkel, in: Staehelin, Martin (Hrsg.): Musikwissenschaft und Musikpflege an der Georg-August-Universität Göttingen. Beiträge zu ihrer Geschichte, Göttingen 1987, S. 9–26.