Juristische Fakultät

Statt einer Absolvent*innenfeier – Verleihung der Appelhagen-Dissertationspreise



Grußwort der Dekanin



Sehr geehrte Absolvent*innen, verehrte Mitglieder, Freunde und Angehörige der Juristischen Fakultät, meine sehr geehrten Damen und Herren,

am Freitag, den 12. Februar 2021 hätte die Vorlesungszeit des Wintersemesters 2020/2021 wie üblich mit der feierlichen Absolvent*innenfeier der Juristischen Fakultät in der Aula am Wilhelmsplatz abgeschlossen werden sollen. Leider hat uns auch diesmal die Pandemie wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Angesichts des fortdauernden harten Lockdowns und der geltenden Stufe 3 des universitären COVID-19-Plans blieb dem Dekanat nichts anderes übrig, als die Präsenzveranstaltung zum zweiten Mal in Folge ersatzlos zu streichen. Anders als im Sommersemester 2020 waren jedoch nach Bekanntgabe dieser Entscheidung Stimmen vernehmbarer, die den Wunsch nach einer virtuellen Ersatzveranstaltung artikulierten. Es ist mir deshalb ein Anliegen, Ihnen im Folgenden zu erläutern, weshalb wir uns im Dekanat nicht dafür entschieden haben, die Absolvent*innenfeier in virtuelle Räume zu verlegen, obwohl das rein technisch durchaus machbar gewesen wäre.

Die Gründe hierfür liegen in dem Erfahrungswissen geborgen, das wir nach rund einem Jahr gezwungenermaßen über einige Strukturmerkmale der Kommunikation in virtuellen Räumen gemacht haben. Das Wichtigste ist: Virtuell kommunizieren ist nicht gleich präsentisch kommunizieren. Die eine Form hat ihre Schwächen, wo gerade die Vorzüge der anderen liegen – und umgekehrt. Es ist allerdings auch nicht so, dass die eine im Vergleich zu anderen generell defizitär ist, obwohl das von der virtuellen Kommunikation nicht selten pauschal behauptet wird. Eine solche Haltung nimmt die Unterschiede zwischen beiden kommunikativen Formen nach meiner Einschätzung nicht differenziert genug wahr und begreift die virtuelle Kommunikationsform pauschal als schlechten Ersatz für die präsentische - als etwas, das nur notgedrungen gepflegt und im Grunde abgelehnt wird, weil man so rasch wie möglich wieder zum alt Gewohnten zurückkehren möchte. Nicht, dass ich mir das nicht auch manchmal wünschen würde - der Wunsch im Unbekannten Orientierung im Bekannten zu suchen, ist nichts als menschlich.

Gleichwohl halte ich dafür, dass es sich lohnt, die Stärken der Kommunikation in virtuellen Räumen zu erkunden, schon deshalb, weil sie uns wahrscheinlich – in welcher Gestalt auch immer – auch in der Zeit nach der Pandemie erhalten bleiben wird. Auch ist es gerade die Aufgabe von Forscher*innen, sich Neuem nicht einfach zu verweigern, weil alte Erkenntnisse Liebhaber*innenwert eignet, sondern im Gegenteil offen auf es zuzugehen und planvoll, aber unerschrocken die Segel in Richtung auf einen unbekannten Horizont zu setzen. Zu Beginn ist das freilich ein wenig beeindruckendes Unterfangen – das Forschen gleicht eher einem vorsichtigen Tasten, das von bescheidenen Annahmen ausgeht – in unserem Zusammenhang von der Beobachtung, dass in virtuellen Räumen dann mit Gewinn, oder jedenfalls ohne Verlust kommuniziert wird, wenn die reine Sachinformation im Vordergrund steht. Arbeits- und Gremiensitzungen lassen sich bei sachgerechter Vorbereitung nicht nur gut virtuell durchführen, sie gestalten sich sogar nicht selten effektiver als in Präsenz. Die Technik von Videokonferenzen, namentlich das „Muten“ und „Unmuten“ der Mikrofone zwingt die Teilnehmer*innen zur Konzentration auf das Wesentliche, den Informationsaustausch auf der Sachebene. Für identitäre Selbstdarstellung der Redner*innen ist hier wenig Raum; sie ist in der Regel in Arbeitssitzungen auch fehl am Platz.

Lehrveranstaltungen transportieren ebenfalls sinnhafte Informationen, also Wissen. In Vorlesungen steht dessen Vermittlung im Vordergrund, in Seminarien der persönliche Austausch darüber. Die soziale Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ist gerade bei letzterem Format integrierender Bestandteil. Auch in der Vorlesung lernt es sich besser, wenn sie von einer Person geleitet wird, zur der sich die Hörer*innen im Wortsinn in eine soziale Beziehung setzen können. Das virtuelle Medium reduziert diese Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden ob seiner rein sachlichen Ausrichtung auf eine Minimum, was beide Teile schmerzhaft als Defizit wahrnehmen. Der virtuelle Kommunikationsraum kommt an seine Grenzen. Wenn wir wieder die Wahl haben, scheint mir ein aufgeklärtes, komplementäres Miteinander von virtueller und präsentischer Lehre als plausibel. Aus den genannten Gründen wird man auf die „Live-Lehre“ in Hörsaal und Seminarraum nicht verzichten können, was eine gute Nachricht für die Lehrenden und Lernenden ist und eine weniger gute für Bildungspolitiker*innen, die sich mit dem Gedanken tragen, virtuelle Lehrformate gegenüber präsentischen aus Spargründen zu bevorzugen.

Während Lehrveranstaltungen sowohl sachliche als auch außersachliche Ebenen berühren, medientechnisch also hybrid angelegt sind, bewegen sich Feierstunden und Preisverleihungen am anderen Ende des kommunikativen Spektrums. Hier geht es ganz offensichtlich allenfalls sekundär um Informationstransfer, der symbolische bzw. performative Kommunikationsgehalt überwiegt bei weitem. Denken Sie bitte an die Grußworte, Festreden, das Streichquartett, die feierliche Übergabe der Urkunden und Preise, den donnernden Applaus der Festgesellschaft, das Gruppenfoto und die geschichtsgesättigte Umgebung der Aula, die dem Ganzen erst den feierlichen Rahmen gibt. Die performativen Anteile der Kommunikation sind hier so dominant, dass schon der Versuch, sie virtuell nachzuahmen, untauglich und gegenüber dem hier gewählten Weg der Kommunikation via Webseite kaum vorzugswürdig erscheint. Das ist der Grund, aufgrund dessen sich das Dekanat entschieden hat, keine unwürdige Mimikri an die Stelle des „großen Bahnhofs“ zu setzen, sondern bewusst eine Leerstelle zu lassen, die umso schmerzhafter ist, als es für unsere Absolvent*innen und Preisträger*innen wohl kaum eine Wiederholungsmöglichkeit geben wird.

Das bedeutet freilich nicht, dass wir Ihre großen Leistungen nicht anerkennen und wertschätzen – im Gegenteil: die Juristische Fakultät freut sich, sehr geehrte Absolvent*innen, mit Ihnen über den erfolgreichen Abschuss Ihres Studiums und beglückwünscht Sie sehr herzlich dazu. Sie gratuliert des Weiteren unseren beiden Lehrpreisträger*innen, Frau Kollegin Veit für die beste Vorlesung im Grundstudium (Grundkurs II im Bürgerlichen Recht) sowie Herrn Ruwen Fritsche für das beste Begleitkolleg (Einführung in die Rechts- und Sozialphilosophie) des Wintersemesters 2019/2020. Schließlich beglückwünscht sie Herrn Matthias Lippold für seine hervorragende Dissertation zum Thema „The Interrelationship of the Sources of Public International Law,“ die Herr Kollege Paulus betreut hat und die mit dem Fakultätspreis der Juristischen Gesellschaft zu Kassel für das Wintersemester 2020/2021 ausgezeichnet wird. Die Stifterin, der großer Dank gebührt, hat zu dieser Webseite ein Grußwort beigesteuert, das Sie unten abgedruckt finden. Dort sind auch einige Informationen zum Preisträger und seiner wissenschaftlichen Erstlingsarbeit für Sie abgelegt.

Für Ihre berufliche und private Zukunft wünsche ich Ihnen, sehr verehrte Absolvent*innen, im Namen der Juristischen Fakultät Ihrer Alma Mater viel Erfolg, alles erdenklich Gute und verbleibe in der Hoffnung auf ein persönliches Wiedersehen in besseren Zeiten

Ihre

Inge Hanewinkel

Grußwort des Stifters




Stellvertretend für alle Absolvent*innen möchten wir Ihnen im Folgenden den Preisträger des Fakultätspreis der Juristischen Gesellschaft zu Kassel und seiner hervorragenden wissenschaftlichen Erstlingsarbeit vorstellen:


Preisträger: Jan Armin Gärtner

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Jan Armin Gärtner ist 1990 in Hildesheim geboren. Im Anschluss an ein Studium der Rechtswissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen und eine im Jahr 2016 mit herausragendem Erfolg bestandene Erste Juristische Prüfung war er von 2017 bis 2019 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitsrecht der Universität Göttingen am Lehrstuhl von Professor Dr. Rüdiger Krause tätig. In dieser Zeit fertigte er seine Dissertation unter dem Titel „Ein Kartell der Unsichtbaren? Kollektivierung von Beschäftigteninteressen bei Crowdwork“ an. Seit 2019 ist Herr Gärtner als Referendar beim Oberlandesgericht Braunschweig mit einer Station unter anderem in der „Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft“ beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Laudatio