Kunstwerk des Monats Dezember

07. Dezember 2025
„I’m not the Girl who misses much”. Video, Body Art und Bilder von Weiblichkeit
Vorgestellt von Annika Zinger M.A.


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Voyeurismus und Male Gaze: Ersteres beschreibt das heimliche Beobachten sexueller Objekte für die eigene sexuelle Erregung. Zweites beschreibt das männliche Schauen und die Objektifizierung der Frau als sexuelle Stimulation; die Projektion der männlichen Fantasie auf den weiblichen Körper in Film und Fernsehen. Die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist (*1962) greift diese beiden Themen in ihrem Video „I’m not the girl who misses much“ (1986) auf kritische Art und Weise auf. Mit entblößten Brüsten singt und tanzt sie vor der Kamera, doch die eingesetzten stilistischen Mittel, wie etwa die unscharfe Bildeinstellung und die Bildverzerrungen, verhindern, dass man ihren Körper klar erkennen kann. Anders als zu der Zeit von Frauen erwartet, nämlich ruhig und kontrolliert, zeigt sie eine ganze verspielte und aufgedrehte Art. Rist spielt damit in ihrem Video nicht nur mit dem Male Gaze, sondern stellt auch die Geschlechterrollen und die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen zu dieser Zeit in Frage.
In diesem Vortrag wird Rists Video mit der Performance „Cut Piece“ (1964) der Sängerin und Künstlerin Yoko Ono (*1933) verglichen. Ono bezieht das Publikum mit in ihre Performance ein. Sie setzt sich auf die Bühne, legt eine Schere vor sich hin und gibt dem Publikum die Anweisung, ebenfalls auf die Bühne zu kommen und mit der Schere ein Stück Onos Kleidung abzuschneiden. Dabei kann jede Person selbst entscheiden, an welcher Stelle wie viel abgeschnitten wird. Im Gegensatz zu Rist zeigt Ono während der gesamten Zeit ein sehr ruhiges Verhalten auf und bewegt sich kaum. Diese Ruhe verdeutlicht die Machtstrukturen, die zwischen Männern und Frauen herrschen.
Die beiden Künstlerinnen verwenden nicht nur zwei neue Kunstformen im 20. Jahrhundert, nämlich Video und Performance, sondern beschäftigen sich auf unterschiedliche Art mit der Sexualisierung und Objektifizierung der Frau und hinterfragen gesellschaftliche Normen. Durch ihre Übertreibungen und der visuellen Verfremdung ihres Körpers stellt Rist den weiblichen Körper nicht aus den Augen eines Mannes dar, wie es bei dem Male Gaze der Fall wäre. Währenddessen verhält Ono sich genauso, wie die Gesellschaft es von Frauen erwartet, und führt damit die Probleme, die dadurch entstehen, ihrem Publikum vor Augen.