Update zum Vulkanausbruch in Tonga

Ich werde auf dieser Seite in unregelmäßigen Abständen einen weiterführenden und detaillierteren Blick auf die aktuelle Lage im Königreich Tonga nach dem Vulkanausbruch und dem Tsunami geben. Hierbei bedanke ich mich bei Dr. Paul Christensen für seine redaktionelle Unterstützung!

Das Institut für Ethnologie hofft weiterhin auf eine schnelle Besserung der Lage im Land und ist in Gedanken bei den betroffenen Menschen. Wir hoffen, dass die notwendige Versorgung schnell gewährleistet werden kann und die Aufräumarbeiten zügig vorangehen.

Update zum Vulkanausbruch in Tonga (Stand 27.1.2022) - Erste Erlebnisberichte und die Frage: Warum ertönten die Sirenen des Frühwarnsystems nicht?

Von Norbert Pötzsch

Die ersten Erlebnisberichte vom Vulkanausbruch und dem folgenden Tsunami wurden nun auf verschiedenen Plattformen geteilt. Nachfolgend werde ich auf zwei zentrale Aspekte eingehen: Zum einen auf die Lage in Kanokupolu, über den Ort habe ich in dem vorangegangenen ‚Update zum Vulkanausbruch in Tonga (Stand 21.1. mit kleineren Updates vom 25.1.2022)‘ berichtet und zum anderen über erste kritische Fragen zur fehlgeschlagenen Frühwarnung durch Sirenen.
Zur Lage in Kanokupolu: Kalino Latu führte in ihrem Nachrichtenbeitrag folgendes an: “A report from Kanokupolu, which was the hardest-hit town in Tongatapu, said a tsunami hit the town before the deafening explosion was heard from the Hungas” (Latu 2022).
Wie groß die Zerstörung war, welche die Tsunami-Wellen anrichteten, sind sehr gut in den nachfolgend verlinkten Aufnahmen zu erkennen:



Noch deutlicher wird die Zerstörung in Fotografien des Vakaloa Beach Resorts, das ich selbst 2018 zu einem großen Abendbuffet mit Show besuchte.



Die Seeschutzmauer, die auf den Fotos zu sehen ist, wurde etwa im März 2020 errichtet. Anhand der Aufnahmen lässt sich erahnen, wie hoch diese Mauer ist. Gleichzeitig zeigt es doch deutlich, dass die Tsunami-Wellen höher sein mussten, als dass sie von der Mauer aufgehalten werden konnten.

Zur Frage der fehlgeschlagenen Frühwarnung durch Sirenen: Tongatapu verfügte meines Wissens nach über ein umfangreiches Frühwarnsystem für Naturereignisse, das im Falle von Tsunamis insbesondere aus Sirenen und einer umfangreichen Beschilderung besteht, die auf gefährdete und sichere Bereiche verweist. Weiterhin wurden regelmäßige Tsunami-Thementage abgehalten, wobei der mir letztbekannte Tsunami-Thementag im November 2021 abgehalten worden ist (Silvia 2021). Kalino Latu (2022) dokumentierte, dass die Sirenen des Tsunami-Warnsystems nicht ertönten. Hierbei wurde nicht explizit erwähnt, ob die Sirenen nur in spezifischen Orten oder auf ganz Tongatapu nicht funktioniert hätte.
In den bisherigen Erlebnisberichten wird das fehlende Einsetzen der Sirenen in dem Bericht von Maryann und John Fiusati Viliami Tukuafu deutlich, die auch das Vakaloa Beach Resort leiten. Nachfolgend sind ihre Erlebnisberichte auf ‚Ordinary Tongan Lifes’ auf Facebook verlinkt:



Ohne direkt auf die nicht ausgelösten Sirenen einzugehen, deuten auf eine fehlerhafte Frühwarnung der Bericht von Pesi und Mary Lyn Fonua hin, in dem auch weitere Erlebnisberichte zu finden sind:

“We [Pesi & Mary Linn Fonua] were stuck in the seafront office [NP: at Vuna Road about here] as the many tsunamis came in - too late to get out. We captured what video and images we could of the approaching tsunami waves, fearful, not knowing how high they might rise above the reef. Fortunately, our staff were off for the weekend and with their families. The event is etched in our memories” (Fonua & Fonua 2022).

Weiterhin wurde in dem Bericht von Kalino Latu (2022) auf eine Pressekonferenz verwiesen, auf welcher der zuständige Minister zu der Frage der Sirenen Auskunft geben sollte:

“[The Minister of Disaster and Deputy Prime Minister] Hon. Tei did not answer the question [about not sounding sirens] directly, but instead said that when he was assured a tsunami was coming, he immediately called the director of the Met Service and told him to ‚sound the alarm for evacuation.‘ He did not say what happened to the siren and whether the alarm he was referring to was meant for the sirens“ (Latu 2022).

In den weiteren Ausführungen von Latu (2022) wurden weitere Personen angeführt, die ebenfalls keine Sirenen in Nuku’alofa gehört haben und anscheinend nur über das Radio gewarnt wurden.

Neben den Aufräumarbeiten und dem Wiederaufbau von Häusern und der Infrastruktur scheint meiner Meinung nach eine weitere Herausforderung darin zu bestehen, den Grund für den ausbleibenden Frühwarnalarm durch die Sirenen herauszufinden. Inwiefern nun menschliches oder technisches Versagen die Ursache bildete, bleibt zu klären.

Zitierte Quellen:

Fonua, Pesi und Mary Lyn Fonua (2022) We’re back, but without full internet. https://matangitonga.to/2022/01/22/were-back-limited-coms [22.01.2022]

Latu, Kalino (2022) Why didn’t sirens go off before deadly tsunami hit? Disaster Minister’s response unclear. https://www.kanivatonga.nz/2022/01/why-didnt-sirens-go-off-before-deadly-tsunami-hit-disaster-ministers-response-unclear/ [25.01.2022]

Silvia, Tevita (2021) Tsunami Day focused on being prepared. https://nukualofatimes.to/2021/11/15/tsunami-day-focused-on-being-prepared/ [19.11.2021]

Update zum Vulkanausbruch in Tonga (Stand 21.1. mit kleineren Updates vom 25.1.2022) - Die zweite Pressemitteilung

Von Norbert Pötzsch

Die zweite Pressemitteilung über die aktuelle Lage im Königreich Tonga nach dem Vulkanausbruch und dem Tsunami wurde am 21. Januar 2022 veröffentlicht. Die Pressemitteilung sprach davon, dass ca. 84% der tonganischen Bevölkerung vom Vulkanausbruch direkt betroffen sind, was insbesondere durch die dichte Besiedlung der Hautpinsel Tongatapu, die etwa 65km vom Vulkan entfernt liegt, zu erklären ist.

Aktuelle Fotos bei Facebook über den Zustand von Ha'afeva Island von Malau Media (um zu den Fotos zu gelangen, muss einfach nur das FB-Zeichen in der oberen rechten Ecke angeklickt werden):



Über die Ha’apai Inselgruppe wurde berichtet, dass neben den zwei Todesfällen, die bereits in der ersten Pressemitteilung aufgeführt wurden, noch eine schwer- und weitere leichtverletzte Personen existieren. Die Insel Mango, die westlich von Ha’apais Zentrum Pangai liegt, wurde so stark getroffen, dass die 62 Bewohnenden ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Sie wurden auf die größere Nachbarinsel Nomuka evakuiert. Diese Personen von Mango sollen demnächst nach Tongatapu umgesiedelt werden, da sonst ihre Versorgung nicht gewährleistet werden kann, so die Pressemitteilung.

Aktuelle Fotos bei Facebook über den Zustand von Tongatapu von Malau Media (um zu den Fotos zu gelangen, muss einfach nur das FB-Zeichen in der oberen rechten Ecke angeklickt werden):



Über die Hauptinsel Tongatapu wurde berichtet, dass besonders schwer betroffene Orte wie Kanokupolu (im Westen der Hauptinsel) und Patangata (östlich der Hauptstadt Nuku’alofa) mit Hilfsgütern wie Zelten und Hygiene Kits versorgt wurden. Kanokupolu zeichnete sich bereits in der Vergangenheit durch eine hohe Vulnerabilität gegenüber Meereswasser bzw. steigenden Meeresspiegeln und Meereswellen aus, wodurch die schwerpunktmäßigen Schäden durch den Tsunami nicht verwunderlich sind. Patangata verfügte zwar über eine gemauerte Küstenbefestigung, ist jedoch durch zwei Parameter schwer vom Tsunami getroffen worden. Erstens liegt Patangata in einem Gebiet, das gar nicht als Bauland freigegeben ist, da es durch die rückwertige Lagune immer wieder mit Wassereintritt zu kämpfen hat. Zweitens leben in Patangata vor allem Personen, die auf der Suche nach Arbeit von anderen Inselgruppen nach Tongatapu gekommen sind und dadurch nur bedingt tsunami-sichere Gebäude errichten konnten.


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Schlagzeile in matangitonga.to zur Wasserversorgung

Hinsichtlich der Wasserversorgung schien es keine Anzeichen für Meereswasser zu geben, welches in die Frischwasserlinsen gelangt ist. Die Pressemitteilung berichtete davon, dass Trinkwasser aus den Frischwasserlinsen sicher sei sowie klares Regenwasser aus den hauseigenen Zisternen sich zum Verzehr eigneten. Mit Stand 2018 und meiner letzten Forschung im Königreich verfügen lediglich urbane Zentren über eine zentrale Wasserversorgung (Nuku’alofa/Tongatapu, Pangai/Ha’apai und Neiafu/Vava’u). Alle anderen Gebiete sind in erster Linie auf die hauseigenen Zisternen angewiesen, die womöglich durch die Vulkanasche unbrauchbar geworden sind. Hauseigene Filtersysteme, die etwaige Partikel etc. herausfiltern, sind mir nur äußerst selten untergekommen.

Weiterhin berichtete die Pressemitteilung davon, dass erste Kommunikationswege aufgebaut worden sind. So dass ich bereits von einigen befreundeten und bekannten Personen von meinen Aufenthalten in Tonga gehört habe. Es geht allen soweit entsprechend gut, was für mich eine sehr große Erleichterung bedeutet.
Interessant ist bei der Kommunikation ein Hinweis, der womöglich einen Hinweis darauf sein kann, wie weit das Meereswasser gelangt sein könnte. In einem Bericht bei Facebook wurde angemerkt, dass die Kommunikation über die Satellitenschüssel der University of South Pacific (USP) hergestellt wird. Die USP ist eine unserer Partneruniversitäten, mit der wir bereits einen Studierenden- und Lehrendenaustausch durchgeführt haben. Der USP-Campus in Tonga liegt hier und somit direkt an der Lagune aber relativ weit weg von Nuku’alofa und der Nordküste. Ich nehme daher an, dass die Tsunami-Wellen in der Region keinen so großen Schaden angerichtet haben können, wenn diese Satellitenschüssel noch funktioniert bzw. wieder schnell gangbar gemacht werden konnte.

Als letztes ging die Pressemitteilung darauf ein, dass Hilfsgüter und Hilfszahlungen das Land erreichen würden, wobei bei den Sendungen auf dem See- wie Luftweg besonders darauf geachtet werden würde, keinen Kontakt zu den ankommenden Personen aufzubauen, um das Risiko einer Covid-19-Infektion zu verringern. Das Königreich Tonga schloss mit Beginn der Pandemie die Grenzen und erlaubte es nur unter strikten Quarantäneauflagen, Staatsbürger*innen das Land zu betreten. Viele Staatsbürger*innen sitzen wohl immer noch im Ausland fest, da die Rückflüge nach Tonga und die Quarantäne-Möglichkeiten nur beschränkt vorhanden sind.

Die Lage scheint sich weiter zu stabilisieren. Es bleibt abzuwarten, wie die Wasser- und Nahrungsversorgung gestaltet werden kann. Einzelne Berichte weisen bereits auf ein massives Tiersterben hin, wobei neue Nachrichten abgewartet werden müssen.