Verunsicherung im Sportunterricht – Studien zu psychosozialen Gesundheitsgefahren von Schüler_innen im Sportunterricht und Entwicklung präventiver Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung ihrer Gesundheit und ihrer Sicherheit


Gefördert von: Unfallkassen NRW, Brandenburg, Hessen und Berlin
Laufzeit: 12.2020 – 12.2023
Leitung: Prof. Dr. Ina Hunger, Dr. Benjamin Zander

Ausgangspunkt der Studie

Sportunterricht, als staatlich geförderter Bildungsbereich, ist in Deutschland in allen Schulformen des Landes und allen Schulstufen ein durchgängiges Pflichtfach für Kinder und Jugendliche. Im Kontext des schulischen Fächerkanons leistet er einen den anderen Fächern formal gleichgestellten Bildungsbeitrag; gleichwohl hat der Sportunterricht mit seiner Ausrichtung auf Bewegungsaktivitäten und der damit verbundenen hohen Bedeutung von Körperlichkeit eine spezifische Sonderstellung, insofern ihm – wie keinem anderen Schulfach – besondere Potenziale im Hinblick auf Wohlbefinden, Gesundheit und Entwicklungsförderung unterstellt werden. „Das pädagogische Anliegen“, so wird curricular festgehalten, „ist es, den Schülerinnen und Schülern die Freude an der Bewegung sowie die Bedeutung sportlicher Aktivitäten für die eigene Gesundheit zu vermitteln“ (KMK, 2017, S. 3).

Empirische Einblicke in den Sportunterrichtalltag (vgl. u.a. Hunger & Böhlke, 2018; Wiesche & Klinge, 2017) zeigen jedoch, dass die Teilnahme am Sportunterricht keineswegs nur mit positiven Effekten für die einzelnen Schüler_innen einhergeht. Viele Schüler_innen erleben im Sportunterricht regelmäßig Situationen der Angst, sozialen Ausgrenzung, Scham, Hilflosigkeit, Überforderung etc. Sei es, dass Schüler_innen Angst und Panik entwickeln, weil sie aufgrund ihres sportiven Könnens, ihrer Körperlichkeit etc. im Sportunterricht immer wieder abfälligen Kommentaren ausgesetzt sind oder weil sie ihre religiös-kulturelle Herkunft im Widerspruch zu ausgewählten sportunterrichtlichen Anforderungen sehen (z. B. in Bezug auf körpernahe Interaktionen mit dem anderen Geschlecht, auf Kleidungsregeln im Schwimmbad etc.). Sei es, dass sie Körperkontrolle und Souveränität verlieren, weil sie sich den bewegungsbezogenen Herausforderungen körperlich und psychisch nicht gewachsen sehen und entsprechend an der Aufgabe scheitern. Bei solchen und ähnlichen Situationen kann stets von einer Gefahr der doppelten, nämlich physischen und psychischen Verunsicherung bzw. Gesundheitsbeeinträchtigung ausgegangen werden.



Zielsetzungen, methodische Anlage und Bedeutung der Studie

Das Forschungsprojekt setzt an diesen im Sportunterricht ausgelösten Verunsicherungen an. Ausgehend von der grundlegenden Annahme, dass psychosoziale Verunsicherungen im Schulsport gesundheitseinschränkende Wirkungen für die Betroffenen nach sich ziehen, zielt das Vorhaben darauf ab, eben jene Phänomene der Verunsicherungen, ihre ursächlichen und begünstigenden sportunterrichtlichen Bedingungen sowie die gesundheitlichen (Spät-)Folgen differenziert zu beschreiben. Dabei sollen sowohl schulform- und schulstufenspezifizierte Aussagen getroffen werden als auch die vulnerablen Gruppen bzw. besonders Gefährdeten im Hinblick auf Alter, Geschlecht, körperliche Verfassung, ggf. Behinderung etc. erfasst werden. Neben diesem aufklärenden Anliegen ist es ebenso Ziel des Vorhabens, präventive, am Handlungsfeld Schule ansetzende Maßnahmen zu entwickeln.

Das Vorhaben nähert sich im Rahmen von drei miteinander verzahnten qualitativen Teilstudien den angeführten Zielstellungen an. In Teilstudie 1 werden in Form von freien, schriftlichen Kurznarrationen und im Rahmen einer für qualitative Forschung untypisch hohen Fallzahl Daten über persönlich stark verunsichernde und in der Bilanzierung gesundheitseinschränkende Situationen im Sportunterricht eingeholt und das soziale und didaktische Setting in diesem Zusammenhang exploriert. Teilstudie 2 setzt bei einschlägigen Internetforen an und ermöglicht über eine diskursanalytische Auswertung Aufschluss über Umgangsweisen mit und psycho-somatische Folgen von Verunsicherungen im Sportunterricht. Teilstudie 3 hebt in Form von leitfadenorientierten Interviews und an Einzelfällen orientiert auf die subjektive Bearbeitung der erlebten Verunsicherungen ab und eruiert, welche Wirkmacht diese im Alltag der Betroffenen entfalten.

Indem die Studie differenziert aufzeigt, welche sportunterrichtlichen Situationen mit welchen psychosozialen Belastungen für welche Schüler_innengruppen einhergehen und indem sie darstellt, welche gesundheitsbeeinträchtigenden Folgen daraus resultieren, bietet sie eine differenzierte Grundlage zur Neubeurteilung von Gesundheitsbeeinträchtigungen und damit auch einen neuen, nämlich psychosozialen Ansatzpunkt für die Erkennung und Prävention von Gesundheitsgefahren.
Auf Grundlage der Erkenntnisse soll ein präventiver Maßnahmenkatalog für die Praxis entwickelt werden, der über psychosoziale Gesundheitsgefahren und Risiken im Sportunterricht aufklärt. Darüber hinaus sollen konkrete Ansätze und strukturelle Maßnahmen für den Schulsport erarbeitet werden, die darlegen, wie psychosozial verunsichernde Situationen für Schüler_innen zukünftig verringert bzw. mieden werden können. In diesem Zuge ist das Erstellen von Informationsmaterial geplant, das für Aus- und Fortbildungen von Lehrkräften und die Entwicklung von Schulsportkonzepten und Lehrplänen fruchtbar gemacht werden kann.

Das Projekt wird mit 345.000 EUR seitens der Unfallkassen NRW, Brandenburg, Hessen und Berlin gefördert und wurde in die von der Kultusministerkonferenz und der DGUV initiierten bundesweiten Schulsportinitiative „Sicherheit und Gesundheit im und durch Schulsport“ aufgenommen (zur bundesweiten Schulsportinitiative siehe DGUV, 2018). Neben Dr. Babette Kirchner, Martin Röttger und Darren Meineke als wissenschaftliche Mitarbeiter_innen sind auch Sarah Metz als Promovierende sowie Lisa Wedekind und Jan Lietzke als studentische Hilfskräfte Teil des Projektteams.



Literatur

  • DGUV (2018). Sicherheit und Gesundheit im und durch Schulsport – SuGiS. Gemeinsame Schulsportinitiative von Kultusministerkonferenz (KMK) und Deutscher Gesetzlicher Unfallversicherung (DGUV): https://www.dguv.de/fb-bildungseinrichtungen/schulen/bewegung/schulsport/index.jsp


  • Hunger, I. & Böhlke, N. (2017). Über die Grenzen von Scham. Eine qualitative Studie zu (scham-) grenzüberschreitenden Situationen im Sportunterricht aus der Perspektive von Schüler/innen. Forum Qualitative Sozialforschung, 18(2): https://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/2623


  • KMK (Kultusministerkonferenz) (2017). Gemeinsame Handlungsempfehlungen der Kultusministerkonferenz und des Deutschen Olympischen Sportbundes zur Weiterentwicklung des Schulsports 2017 bis 2022. Schulsport nachhaltig fördern und systematisch weiterentwickeln – gemeinsame und gleichberechtigte Teilhabe für alle Schülerinnen und Schüler: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2017/2017_02_16-Schulsport.pdf


  • Wiesche, D. & Klinge, A. (Hrsg.) (2017). Scham und Beschämung im Schulsport. Facetten eines unbeachteten Phänomens. Aachen: Meyer & Meyer.