GEORG-AUGUST-UNIVERSITÄT GÖTTINGEN
THEOLOGISCHE FAKULTÄT
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Nachruf auf Professor Dr. Gerd Lüdemann
* 05. Juli 1946     † 23. Mai 2021


Dr. theol. Gerd Lüdemann ist am 23. Mai 2021 verstorben. Nach seinen Jahren als Assistent in Göttingen, Assistant Professor in den USA und Heisenbergstipendiat wurde er 1983 als Professor für Neues Testament an die Theologische Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen berufen. Seit 1999 lehrte er dort bis zu seiner Emeritierung 2011 in einem Sonderstatus das Fach „Geschichte und Literatur des frühen Christentums“.

Gerd Lüdemann studierte 1966–1971 Theologie in Göttingen. Geprägt wurde er hier besonders von Carl Andresen, Hans Conzelmann und Georg Strecker, seinem späteren Doktorvater. Mit der Dissertation „Untersuchungen zur simonianischen Gnosis“ wurde er 1974 promoviert. 1974/75 ging er als Assistent von W. D. Davies (Duke University, Durham, NC) in die USA – ein für seinen weiteren Weg wichtiger Schritt. In der Zeit als wissenschaftlicher Assistent von Georg Strecker (1975–1977) habilitierte er sich 1977 mit „Studien zur Chronologie des Paulus“ für das Fach „Neues Testament“. Anschließend kehrte er nach Nordamerika zurück und arbeitete 1977–1979 in einem Forschungsprojekt an der McMaster University (Hamilton, Ontario, Kanada). Danach wurde er als Assistant Professor an die Vanderbilt University (Nashville, TN) berufen (1979–1982). Nashville wurde ihm und seiner Familie seitdem zur zweiten Heimat, der Vanderbilt University blieb er weiter, zuletzt als Visiting Scholar, eng verbunden.

Ein Heisenberg-Stipendium ermöglichte ihm 1980–1983 eine Phase intensiver Forschungstätigkeit ohne Lehrverpflichtung. Nach Ablehnung eines Rufs an die Universität-Gesamthochschule Kassel 1982 wurde er 1983 als Nachfolger von Ulrich Luz an die Universität Göttingen berufen. Hier gründete er 1987 das „Archiv Religionsgeschichtliche Schule“, dass der Erforschung jenes um 1900 in Göttingen entstandenen Zweiges der deutschen liberalen Theologie dient, dem sich Gerd Lüdemann besonders verbunden fühlte.

Durch die Breite seiner historisch orientierten Untersuchungen, die neben den neutestamentlichen Zentralgestalten Paulus und Jesus insbesondere der Apostelgeschichte, dem Judenchristentum und der Gnosis (Nag-Hammadi-Schriften) galten, sowie durch seine internationale Vernetzung erwarb sich Gerd Lüdemann hohe wissenschaftliche Reputation. In seinen Lehrveranstaltungen konnte er die Studierenden für eine intensive, kritische Auseinandersetzung mit den geschichtlichen und theologischen Themen der frühchristlichen Literatur gewinnen, in seinen zahlreichen Workshops auch Außenstehende damit vertraut machen. 1994 lehnte er einen Ruf an die Universität Bonn ab, weil er sich seinen Göttinger Wurzeln verpflichtet fühlte. Im gleichen Jahr erschien sein Buch „Die Auferstehung Jesu“, in dem er die Existenz eines „leeren Grabes“ bestreitet und die österlichen Visionen der Schülerschaft Jesu nicht auf dessen „Auferstehung“, sondern auf psychologisch erklärbare Phänomene zurückführt. Er löste damit eine heftige öffentliche Debatte über die Verlässlichkeit der Grundlagen des christlichen Glaubens aus, deren Ton sich in Streitgesprächen und einer Flut weiterer Veröffentlichungen verschärfte. Gerd Lüdemann geriet darüber in Konflikt mit der bekenntnisgebundenen Göttinger Theologischen Fakultät und wurde angewiesen, ab 1999 das Fach „Geschichte und Literatur des frühen Christentums“ zu vertreten, dass nicht in die Pfarramts- und Lehramtsstudiengänge eingebunden war. Weil Gerd Lüdemann darauf beharrte, dass seine Aussagen über die Unglaubwürdigkeit des christlichen Glaubens von der Forschungs- und Lehrfreiheit gedeckt seien, führte er in langjährigen Prozessen Klage auf Wiedereinsetzung in sein ursprüngliches Amt, die 2008 vom Bundesverfassungsgericht endgültig abgewiesen wurde.

Das Ethos seines Berufs sah Gerd Lüdemann darin, die Wahrheit zu erkennen und ohne Rücksichtnahmen auszusprechen. In diesem Bemühen hat er die Auferstehungsfrage lösen wollen und sich dann auf christentumskritische Themen konzentriert. Andere Bereiche seiner breiten Forschungen traten in den Hintergrund. Projekte wie die Fertigstellung seiner PaulusTrilogie (die Bände 1 und 2 erschienen 1980 und 1983) oder die Kommentierung der Pseudoklementinen, des ersten christlichen Romans, wurden trotz umfangreicher Vorarbeiten nicht mehr realisiert. Stattdessen blieb Jesus, obwohl als Inhalt des Glaubens für ihn erledigt, bis zum letzten Buch („Der echte Jesus. Seine historischen Taten und Worte“, 2013) Zentrum seines Denkens.

Wer Gerd Lüdemann kannte, erlebte ihn nicht als eifernden Verfechter seiner Thesen, sondern als zugewandten, einfühlsamen, oft humorvollen Gesprächspartner. Für kritische Fragen hatte er ein offenes Ohr, in Fachdiskussionen hatte seine Meinung aufgrund stupender Kenntnis der antiken Quellentexte und der Forschungsliteratur besonderes Gewicht. So hat er auch in schwierigen Jahren seine Mitarbeiter in ihrer wissenschaftlichen Qualifikation gefördert und die Kontakte zu Mitgliedern der Theologischen Fakultät nie ganz abreißen lassen. Die Hochachtung, die Gerd Lüdemann genoss, dokumentieren zwei Festschriften, die ihm zum 50. („Historische Wahrheit und theologische Wissenschaft“, 1995) und zum 65. Geburtstag („Frühes Christentum und religionsgeschichtliche Schule“, 2011) gewidmet wurden.

Die Lebensfreude, die Gerd Lüdemann ausstrahlte, zog er, abseits aller Wissenschaft, in hohem Maße aus dem Beisammensein mit seiner Familie. Die Vorworte vieler seiner Bücher deuten an, welch große Dankbarkeit er gegenüber seiner Frau Elke, seinen vier Töchtern und seinen Enkelkindern empfand. In ihrem Beisein ist er am Pfingstsonntag 2021 nach jahrelanger schwerer Erkrankung gestorben.

Die Theologische Fakultät zu Göttingen wird ihn in respektvoller Erinnerung behalten.

Peter Gemeinhardt,
Dekan

Florian Wilk,
Neues Testament

Jürgen Wehnert,
Neues Testament