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Differenzielle Perspektiven im Ansatz der Didaktischen Rekonstruktion

Donnerstag, 12. Juni 2003
Ort: Hörsaal III im Waldweg 26, Göttingen
Zeit: 13.30 bis 15.30 Uhr
Moderation: Susanne Bögeholz

Das Lernen der Zelltheorie. Differenzierung mit didaktisch rekonstruierten Lernangeboten
Tanja Brinschwitz & Harald Gropengießer (Hannover)


Vorstellungen von Evolution vermitteln. Didaktisch-rekonstruierte Lernangebote zu Anpassung
Holger Weitzel (Frankfurt/Main) & Harald Gropengießer (Hannover)


Wie erklären Schülerinnen und Schüler historischen Wandel? Präkonzepte als Ausgangspunkt didaktischer Strukturierung
Achim Jenisch (Oldenburg)


Was sich SchülerInnen unter Sklaverei vorstellen: Eine Untersuchung zum historischen Denken von SchülerInnen und Entwicklung eines schülerbezogenen Konzepts zum Umgang mit den Schlüsselkategorien Gleichheit und Ungleichheit im Geschichtsunterricht
Sylke Bergau (Oldenburg)



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Das Lernen der Zelltheorie. Differenzierung mit didaktisch rekonstruierten Lernangeboten
Tanja Brinschwitz & Harald Gropengießer (Hannover)


Empirische Untersuchungen zu Lernervorstellungen von der Zelltheorie zeigen, dass Schüler auch nach intensivem Unterricht zur Zelle Vorstellungen äußern, die dem biologischen Wissen nicht genügen und stark heterogen erscheinen (Zamora & Guerra 1993; Lewis, Leach & Wood-Robinson 2000). Ziel meines Forschungsvorhabens ist es, die Vermittlung fachlichen Wissens auf dem Gebiet der Zelltheorie zu optimieren. Mithilfe der Erfahrungsbasierten Theorie des Verstehens kann die Heterogenität der Lernervorstellungen von der Zelle in eine überschaubare Zahl von kognitiven Schemata überführt werden, die als Grundlage für differenzierte Lernangebote dienen. Die Lernprozesse mit diesen didaktisch rekonstruierten Lernangeboten werden in Vermittlungsexperimenten empirisch untersucht.

Fragestellung:
Welche Vorstellungen haben Lerner von der Zelle?
Welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten haben Lerner mit didaktisch rekonstruierten Lernangeboten zur Zelle?

Theoretischer Rahmen:
Das Forschungsvorhaben basiert auf einem moderaten Konstruktivismus und der Conceptual-change-Theorie. Darüber hinaus wird die Erfahrungsbasierte Theorie des Verstehens zur Analyse der Lernervorstellungen und zur Entwicklung von Lernangeboten herangezogen (Lakoff & Johnson 1989; Gropengießer 2003).

Forschungsdesign:
Dem Modell der Didaktischen Rekonstruktion folgend werden innerhalb der Untersuchungsaufgabe Didaktischen Strukturierung Lernangebote zur Zelle entwickelt. Diese werden in Vermittlungsexperimenten mit Schülern der Sekundarstufe I auf ihre Möglichkeiten und Schwierigkeiten für das Lernen überprüft. Die Auswertung von Videodokumentationen erfolgt mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2000).

Ergebnisse:
Mithilfe der Vermittlungsexperimente wurden Lernervorstellungen von der Zelle ermittelt, die auf grundlegende Erfahrungen der Lerner zurück geführt werden können. Dadurch wird die Heterogenität der Vorstellungen in eine überschaubare Anzahl differenzieller Schemata überführt. Die didaktisch rekonstruierten Lernangebote ermöglichen eine differenzierte Vermittlung der fachwissenschaftlichen Konzepte der Zelltheorie.


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Vorstellungen von Evolution vermitteln. Didaktisch-rekonstruierte Lernangebote zu Anpassung
Holger Weitzel (Frankfurt/Main) & Harald Gropengießer (Hannover)


Das Evolutionsverständnis vieler Lerner ist zentral mit dem Wort Anpassung verknüpft (Halldén 1988, Baalmann 1998), wobei dessen Verwendung durch die Lerner eine Bedeutung nahe legt, die stark an diejenige im alltäglichen Sprachgebrauch erinnert. In Vermittlungsexperimenten soll die Wirkung differenzierter Lernangebote zu Anpassung an heterogenen Lernergruppen geprüft werden.

Fragestellung:
Die zentralen Fragestellungen lauten:
1. Welche Vorstellungen von Anpassung äußern Lerner bei der Bearbeitung didaktisch-rekonstruierter Lernangebote?
2. Welche Möglichkeiten und Probleme zeigen sich im Umgang mit den Lernangeboten?

Theoretischer Rahmen:
Die Entwicklung der Lernangebote fußt auf dem Forschungsmodell der Didaktischen Rekonstruktion (Kattmann et al. 1997; Gropengießer 1997). Interpretation der Lernervorstellungen und Auswahl der Lernangebote orientieren sich an der experientialen Theorie des Verstehens (Lakoff 1987; Lakoff & Johnson 1998). Das Verständnis über Änderungen von Vorstellungen folgt dem Paradigma des conceptual change (Posner & Strike 1982; 1992).

Forschungsdesign:
Die Fragestellung erfordert mehrere Untersuchungsaufgaben:
- Metaanalyse empirischer Befunde zu Lernervorstellungen (Gropengießer 2003)
- Erarbeitung von Lernangeboten zu Anpassung auf Grundlage der Didaktischen Rekonstruktion
- Überprüfung der Lernangebote in Vermittlungsexperimenten bzgl. ihrer Qualität zur Erhebung und Bildung von Lernervorstellungen

Das Vermittlungsexperiment kombiniert dazu Interview- mit Lehrsituationen. Das Vorgehen ist am teaching experiment (Steffe & D’Ambrosio 1996) und an dessen Erweiterung auf Lernergruppen (Duit & Wilbers 2001) orientiert. Leitend für die Auswertung der Videodokumentationen ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2000).

Ergebnisse:
Die in den Vermittlungsexperimenten erhobenen Lernervorstellungen zu Anpassung lassen sich in vielen Fällen auf verkörperte Erfahrungen zurückführen. Über die Lernangebote kann zumindest kurzfristiges Lernen von fachlichen Inhalten erreicht werden.


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Wie erklären Schülerinnen und Schüler historischen Wandel? Präkonzepte als Ausgangspunkt didaktischer Strukturierung
Achim Jenisch (Oldenburg)


In meinem Dissertationsvorhaben mit dem Arbeitstitel "Implizite Theorien zu Verursachungsfaktoren von historischen Ereignissen" werden Schülervorstellungen empirisch erfasst. Bei den zu erhebenden Vorstellungen interessiert nicht die Häufigkeit der einzelnen Theorien, sondern welche historischen Erklärungsmuster Jugendliche heranziehen. Diese Präkonzepte sollen als Ausgangspunkt für eine didaktische Strukturierung dienen.

Der Arbeit liegt das Modell der Didaktischen Rekonstruktion zugrunde, bei dem drei wechselwirkende Teile eng aufeinander bezogen werden: fachliche Klärung, Erfassung von Schülervorstellungen und didaktische Strukturierung. Das methodische Vorgehen ist bei der fachlichen Klärung hermeneutisch-analytisch und bei der Erfassung der Lernerperspektive empirisch. Daraus resultierend ist eine didaktische Strukturierung zu entwickeln.

Die Erhebung der impliziten Theorien zu Verursachungsfaktoren von historischen Ereignissen kann nicht auf einer abstrakten Ebene erfolgen. Daher liegt der thematische Schwerpunkt auf der Industrialisierung, was nicht ausschließt, dass sich die Jugendlichen auch zu anderen Themenbereichen äußern. Die mit Hilfe von zwölf leitfadengestützten problemzentrierten Interviews zu erhebenden Schülervorstellungen werden mit geschichtswissenschaftlichen Erklärungen verglichen, um auf dieser Basis Schlussfolgerungen für historisches Lernen zu ziehen.

Das Sample besteht aus Neuntklässlern der Hauptschule, der Realschule und des Gymnasiums. Außerdem wird nach Geschlecht und Regionen (Oldenburg und Heidelberg mit dem jeweiligen Umland) differenziert. Die Auswertung basiert auf der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring und wird mit Hilfe des Computerprogramms atlas.ti durchgeführt.

Die Erhebungsphase ist gerade abgeschlossen, auf der Tagung werden erste Ergebnisse präsentiert.


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Was sich SchülerInnen unter Sklaverei vorstellen: Eine Untersuchung zum historischen Denken von SchülerInnen und Entwicklung eines schülerbezogenen Konzepts zum Umgang mit den Schlüsselkategorien Gleichheit und Ungleichheit im Geschichtsunterricht
Sylke Bergau (Oldenburg)


Fragestellung(en):
Es soll untersucht werden, wie SchülerInnen sich – am Beispiel des Themas Sklaverei – Gleichheit und Ungleichheit im historischen Kontext erklären, diese belegen, gewichten und konkretisieren. Welche subjektiven Theorien haben SchülerInnen zur Frage der Herkunft und Begründung von Sklaverei(systemen)? In welchem Maße fließen in ihre subjektiven Theorien alltagsspezifische (Erfahrungs-)Komponenten bzw. strukturell-wissenschaftliche Konzepte ein, wie sie in Fachwissenschaft und Fachdidaktik zu finden sind und vertreten werden? Gibt es häufig auftretende Deutungsmuster?

Theoretischer Hintergrund der Untersuchung:
Meine Arbeit verortet sich Im Rahmen der Didaktischen Rekonstruktion. Empirisch ermittelte Schülervorstellungen sollen Ausgangspunkt für eine neu akzentuierte Lehre werden, die subjektive Lernervoraussetzungen ernst nimmt und zwischen diesen und wissenschaftlichen Theorien vermittelt, um einen dauerhaften Lernerfolg im Sinne eines Konzeptwechsels (conceptual change) zu initiieren.

Methode (Erhebung und Auswertung):
Der empirische Teil meiner Arbeit besteht aus zwölf qualitativen Einzelinterviews (materialgestützte, halbstandardisierte Leitfadeninterviews nach Scheele/Groeben) inkl. Begleitfragebogen mit SchülerInnen aus neunten Klassen (Gymnasium und Integrierte Gesamtschule).
Die Auswertung der Interviews erfolgt gemäß der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring. Des Weiteren sollen die Schülervorstellungen mit den aus der Fachwissenschaft gewonnenen Konzepten, hier: expliziten Theorien (konkretisiert am Beispiel aktueller Schulbuchtexte) verglichen werden.
Die aus diesem Vergleich gewonnenen Differenzen und Schnittmengen sollen im Sinne didaktischer Orientierungen und Konsequenzen für historisches Lernen fruchtbar gemacht werden.

Ergebnisse:
Nach Abschluss der Interview- und Transkriptionsphase befinde ich mich in der Auswertungsphase. Die gebotene Vorsicht in dieser Phase meiner Arbeit lässt zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Präsentation von sicheren Ergebnissen zu. Entgegen fachspezifischer Differenzierung scheinen viele der interviewten SchülerInnen jedoch zu einer Prototyp-Vorstellung der amerikanischen Plantagensklaverei (seltener: der ägyptischen Sklaverei) zu neigen, die zum Teil auf Basis einer Vorstellung von 'Zivilisation vs. Naivität/Rückständigkeit' erklärt wird. Auffällig ist hierbei eine allgemeine Tendenz zur Entspezifizierung historischer Ereignisse.


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